{"id":548,"date":"2014-11-29T16:11:24","date_gmt":"2014-11-29T16:11:24","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=548"},"modified":"2014-11-29T16:11:24","modified_gmt":"2014-11-29T16:11:24","slug":"briefe-aus-prag-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=548","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 26"},"content":{"rendered":"<p>Freitag, 28. November 2014<\/p>\n<h1>Blick auf die Stadt oder Der Geist von Prag<\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>heute, als die Nachmittagsd\u00e4mmerung langsam \u00fcber die Stadt hereinbrach, hat mich der Geist von Prag auf meinem Abschiedsspaziergang begleitet. Lenka Reinerov\u00e0 beschreibt in ihrem Buch \u201eN\u00e4rrisches Prag\u201c den Geist als ein hauchd\u00fcnnes und dennoch un\u00fcbersehbares Wesen, das beispielsweise gleichzeitig an drei Tischen im Caf\u00e9 sitzt, ihr manchmal einen Tipp oder ein Zeichen gibt, \u00f6fters auch etwas auf seine wesenhafte Art kommentiert, ein Luftikus, ein Scharlatan, ein Narr, ein Weiser, ein Kobold.<\/p>\n<p>Eigentlich blitzte der Geist schon gestern einmal auf, als ich das Antonin Dvorak-Museum aufsuchte, das in einer wundersch\u00f6nen Barockvilla in einer Seitenstra\u00dfe unweit des Prager Literaturhauses untergebracht ist. Dvorak lebte hier nie, sondern in wechselnden Wohnungen in der N\u00e4he. Obwohl diese feine Villa mit ihrem selbst zu dieser Jahreszeit noch anmutigem Garten voller Statuen dem Komponisten sicherlich gefallen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Dvoraks Witwe vermachte dem Museum nach seinem Tod seinen B\u00f6sendorfer Fl\u00fcgel und seinen Schreibtisch. Dieses Mobiliar bildete den Grundstock f\u00fcr die Ausstellung, die recht h\u00fcbsch, doch irgendwie auch kurios ist. Vor allem erf\u00e4hrt man, dass Dvorak Eisenbahnen und Dampfloks liebte. Und dass er sp\u00e4ter, in Amerika, weil die Central Station in New York nur Reisenden vorbehalten war und er deshalb nicht mehr gen\u00fcgend Z\u00fcge sehen konnte, au\u00dferdem begann, eine Leidenschaft f\u00fcr Schiffe zu entwickeln. Er soll immer zum New Yorker Hafen spaziert sein, oder zum Battery-Park an der S\u00fcdspitze Manhattans, um die ankommenden und abfahrenden Ozeandampfer zu beobachten. Vielleicht gibt mir das eine Idee f\u00fcr eine kuriose Geschichte.<\/p>\n<p>Jedenfalls stand der Geist von Prag neben mir in den R\u00e4umlichkeiten der Villa herum, turnte ein wenig auf Dvoraks Fl\u00fcgel, probierte seinen durchgesessenen Schreibtischstuhl aus, indem er vor und zur\u00fcckkippelte wie ein Erstkl\u00e4ssler, und schien eine diebische Freude daran zu haben, das Dvorak niemals hier gelebt, ja, dieses Haus zu seinen Lebzeiten nicht einmal betreten hatte, doch dass es einem heute so vorkommt, als sei er genau hier zu Hause gewesen. Im ersten Stock vollf\u00fchrte der Geist dann weitere Pirouetten. Die \u00e4ltere Dame von der Aufsicht empfing mich h\u00e4nderingend und sichtlich betr\u00fcbt mit vielfachen Entschuldigungen, denn gerade sei der Klavierstimmer eingetroffen, \u201esorry, we have a concert tonight. He will need about half an hour\u201c.<\/p>\n<p>Ich versicherte, dass mir das nichts ausmache, doch sie glaubte mir nicht und war irgendwie untr\u00f6stlich. Ich k\u00f6nne jetzt wegen des Klavierstimmers die Musik nicht h\u00f6ren. Sie f\u00fchrte mich daher durch den Salon, in dem bereits Stuhlreihen f\u00fcr den Abend aufgestellt worden waren und wo sich in der Tat der Klavierstimmer mit nervt\u00f6tenden Ger\u00e4uschen am Konzertfl\u00fcgel zu schaffen machte. Er betrachtete mich erstaunt. Denn abgesehen vom Geist, den er nicht sehen konnte, obwohl dieser l\u00e4ngst auf den schwarzen Tasten herumsprang, war ich nat\u00fcrlich die einzige Besucherin.<\/p>\n<p>In dem kleinen Nebenraum, in den mich die Aufsicht betr\u00fcbt geleitete, deutete sie auf zwei Kopfh\u00f6rer und eine Zahlentastatur, wo ich mir verschiedene von Dvoraks Werken ausw\u00e4hlen und anh\u00f6ren k\u00f6nnte. Ich machte den Versuch, das Largo aus der 9. Sinfonie zu h\u00f6ren, doch das war wegen des Geists, der entschieden anarchisch am Fl\u00fcgel auf und nieder h\u00fcpfte, absolut unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Auch in diesem Raum zeigten die Dokumente in den Vitrinen, dass Dvorak Eisenbahnen und Schiffe liebte. Ich sah mir das etwas ungl\u00e4ubig an, w\u00e4hrend sich die Aufsicht gemeinsam mit einer anderen Dame an der Elektrik im Raum zu schaffen machte, indem sie beide hinter der T\u00fcr am Boden knieten, was ich mir ebenfalls mit der bevorstehenden Abendveranstaltung erkl\u00e4rte. Mehrfach schalteten sie mir dabei versehentlich das Licht aus und sie entschuldigten sich wieder. Ich beschloss, dem Geist lange genug seinen Schabernack zugestanden zu haben und wandte mich zum Gehen. Die Aufsicht verabschiedete mich mit ungl\u00fccklichem Gesicht und weiteren Entschuldigungen. \u201eCome tomorrow\u201c, sagte sie.<\/p>\n<p>\u201eNo problem\u201c, meinte ich \u00fcber den Geist hinweg, der gerade seine Freude daran hatte, auf den besonders hohen T\u00f6nen herumzuh\u00fcpfen. \u201eA few days ago I wanted to see the Mozart-Museum, Villa Bertramka.\u201c Die Aufsicht nickte wissend. \u201eIt\u2019s closed\u201c, sagte sie einfach. Jetzt nickte ich. \u201eBut here the house is full of live. No problem. Thank you!\u201c<\/p>\n<p>Lachend ging ich fort, der Geist tanzte hinter mir her und war sehr zufrieden mit mir.<\/p>\n<figure id=\"attachment_549\" aria-describedby=\"caption-attachment-549\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Bibliothek2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-549 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Bibliothek2.jpg\" alt=\"Bibliothek2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Bibliothek2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Bibliothek2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Bibliothek2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Bibliothek2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-549\" class=\"wp-caption-text\">(c) Foto: Jutta Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Heute nun begleitete er mich zum Abschluss am sp\u00e4ten Nachmittag auf der gef\u00fchrten Tour durch die R\u00e4ume des ehemaligen Jesuitenklosters Klementinum, einem Geb\u00e4udekomplex mitten in der Altstadt, in dem jetzt die Nationalbibliothek mit Leses\u00e4len und B\u00fcros untergebracht ist. Mozart spielte bereits auf der Orgel in der Spiegelkapelle, doch der Geist gab mir hier keine Kostprobe. Er bewahrte sich seinen Coup f\u00fcr den barocken Bibliothekssaal auf. Ich h\u00e4tte es nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, noch eine weitere beeindruckende Bibliothek in Prag sehen zu d\u00fcrfen. Doch als der F\u00fchrer den Schalter anknipste und der dunkel ruhende, verschwiegene Saal langsam und vorsichtig illuminiert wurde, traute ich in der Tat meinen Augen nicht. Die Regale der Bibliothek waren leergefegt! Und dabei hatte ich doch eindeutig in der Tickethalle ein Poster gesehen, auf dem der Saal voller B\u00fccher abgebildet war.<\/p>\n<p>\u201eFalls Sie sich wundern sollten\u201c, erkl\u00e4rte der F\u00fchrer auf englisch, franz\u00f6sisch und portugiesisch \u2013 denn au\u00dfer mir bestand die kleine Gruppe nur aus einem \u00e4lteren portugiesischen Ehepaar und zwei Herren aus Frankreich \u2013 \u201ewarum hier so gut wie keine B\u00fccher sind: Bis vor drei Monaten waren die Regale noch voll. Die B\u00fccher wurden abtransportiert nach Deutschland (!), wo sie alle in m\u00fchevoller Arbeit eingescannt und archiviert werden. Danach kommen sie wieder zu uns zur\u00fcck. In zehn Jahren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn zehn Jahren?\u201c Ich musste nachfragen, ich konnte das nicht glauben. Ja, sagte er, in zehn Jahren w\u00e4ren die B\u00fccher dann wieder da.<\/p>\n<p>Der Geist neben mir kicherte. Er kletterte \u00fcber die h\u00f6lzerne Balustrade und turnte auf einem der Sternengloben herum. 20 000 B\u00fccher w\u00e4ren eigentlich hier, erfuhr ich auf Nachfrage. Vielleicht tausend seien noch da. Warum die denn da geblieben w\u00e4ren, fragte einer der Franzosen. Sie w\u00fcrden noch nachgeschickt, versicherte der F\u00fchrer. Der Geist hangelte sich inzwischen wie ein Affe an den leeren Regalen hinauf. Ich hatte gute Lust, ihn zur\u00fcck zu pfeifen.<\/p>\n<p>Eine leere Bibliothek ist eine merkw\u00fcrdige Sache. Eigent\u00fcmlich mulmig f\u00fchlt sich das an, gespenstisch. Vielleicht sollte ich eine Geschichte schreiben, die in diesem leeren Bibliothekssaal spielt, der sich nach seinen B\u00fcchern sehnt? Der Touristenf\u00fchrer lieferte daf\u00fcr noch eine Anregung. Als die Jesuitenm\u00f6nche ihr Kloster verlassen mussten, sollen sie angeblich Sch\u00e4tze irgendwo in den W\u00e4nden eingemauert haben, da sie damit rechneten, irgendwann zur\u00fcckzukommen. Sie ben\u00f6tigten einen Helfer bei dieser Arbeit und blendeten ihn, damit er das Geheimnis des Verstecks nicht preisgeben konnte. Doch er h\u00f6rte die Kirchenglocken und wusste, wo im Geb\u00e4ude er sich befand. Deshalb t\u00f6teten sie ihn und beerdigten ihn zusammen mit dem Schatz. Der Schatz, sofern er existiert, wurde bis heute nicht gefunden. Das Skelett ebenso wenig. Der Geist grinste. Er zupfte der Portugiesin im Haar herum.<\/p>\n<figure id=\"attachment_550\" aria-describedby=\"caption-attachment-550\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Altstadt2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-550 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Altstadt2.jpg\" alt=\"Altstadt2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Altstadt2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Altstadt2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Altstadt2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Altstadt2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-550\" class=\"wp-caption-text\">(c) Foto: Jutta Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00dcber den Meridiansaal im Turm des Klosters, wo M\u00f6nche und Astronomen die Sterne mit Hilfe von Fernrohren und Quadranten studierten \u2013 auch Johannes Kepler betrieb hier seine Himmelsforschungen \u2013 wurden wir viele alte Holztreppen hinauf zum Aussichtspunkt auf dem Turm gef\u00fchrt. Der F\u00fchrer \u00f6ffnete die schweren Holzt\u00fcren und es bot sich uns ein atemberaubender Anblick. Einmal rundum gegangen, sieht man buchst\u00e4blich die gesamte Stadt, auf einer Seite die T\u00fcrme der Altstadt mit dem Altst\u00e4dter Ring, wo gerade der gro\u00dfe Weihnachtsbaum aufgestellt wurde, auf der anderen Seite der Hradschin, das Strahov-Kloster, der Hausberg Petrin, die Kleinseite. Links am Moldauufer das beleuchtete Nationaltheater. Rechts das ebenfalls beleuchtete Rudolfinum, die Philharmonie. \u201eSiehst du\u201c, sagte der Geist dicht neben mir, \u201ezu deinem Abschied lege ich dir die ganze Stadt zu F\u00fc\u00dfen.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_551\" aria-describedby=\"caption-attachment-551\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kleinseite2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-551 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kleinseite2.jpg\" alt=\"Kleinseite2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kleinseite2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kleinseite2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kleinseite2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kleinseite2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-551\" class=\"wp-caption-text\">(c) Foto: Jutta Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dann schwang er sich auch hier \u00fcber die Br\u00fcstung und flog mir voraus zu meinem Abschiedsrundgang. Der vom Aufbau des Weihnachtsmarktes eingenommene Altst\u00e4dter Ring, die Lichter im Kafka-Buchladen kurz vor Ladenschluss, das untere Ende des Wenzelsplatzes ebenfalls schon weihnachtlich geschm\u00fcckt. Ich gr\u00fc\u00dfte mit einer leichten Handbewegung zu Vaclav Havel an der Fassade des Nationaltheaters hinauf. Dann traf ich den Geist auf ein letztes Glas im Caf\u00e9 Slavia. Er sa\u00df an mindestens drei Tischen.<\/p>\n<p>Mein Pianist, noch ganz von seiner Schiffsreise \u00fcber den Atlantik beseelt, spielte \u201eBridge over troubled water\u201c und \u201eAs time goes by\u201c. Mit gl\u00e4nzenden Augen prostete der Geist mir zu, der schon wieder auf dem Fl\u00fcgel sa\u00df.<\/p>\n<p>Morgen, Liebster, komme ich nach Hause.<\/p>\n<p>\u201eI habe seen a nice part of the world here\u201c, so wurde ein Brief von Dvorak \u00fcbersetzt, den er im Herbst 1893 von New York aus in die Heimat schrieb, \u201ebut the nicest will be when I see you again in that world of ours.\u201c<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freitag, 28. November 2014 Blick auf die Stadt oder Der Geist von Prag Liebster, heute, als die Nachmittagsd\u00e4mmerung langsam \u00fcber die Stadt hereinbrach, hat mich der Geist von Prag auf meinem Abschiedsspaziergang begleitet. 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