{"id":544,"date":"2014-11-28T21:22:39","date_gmt":"2014-11-28T21:22:39","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=544"},"modified":"2014-11-28T21:22:39","modified_gmt":"2014-11-28T21:22:39","slug":"briefe-aus-prag-25","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=544","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 25"},"content":{"rendered":"<p>Donnerstag, 27. November 2014<\/p>\n<h1>Kafkas K\u00f6rper<\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>Kafkas K\u00f6rper erwies sich zun\u00e4chst als sehr widerstandsf\u00e4hig. Es ist \u00fcberliefert, dass er ein unerm\u00fcdlicher Spazierg\u00e4nger war, der viele Stunden lang, ohne die kleinste Anstrengung zu versp\u00fcren, durch die Stra\u00dfen der Stadt, ihre Parks und G\u00e4rten, ihre H\u00fcgel hinauf und das Moldauufer entlang gehen konnte, in Gesellschaft, doch sehr h\u00e4ufig wohl auch allein. Das schien ihn zu konzentrieren, ihm den Kopf frei zu machen.<\/p>\n<p>Er war zudem ein leidenschaftlicher Schwimmer und Ruderer. Er schlief wenig, da er nachts schrieb oder wach lag, um an das Schreiben zu denken. Er arbeitete viel, sowohl in der Versicherungsanstalt als auch nachts an seinem eigenen privaten Schreibtisch zu Hause. Daher bekam er zu wenig Schlaf, zumal er fr\u00fch aufstehen musste, um rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz im B\u00fcro zu erscheinen. Er schlief daher gern, wenn m\u00f6glich, nachmittags nach dem B\u00fcro noch einige Stunden, um f\u00fcr den Abend und das eventuelle Schreiben, wieder frisch zu sein. Zu wenig Schlaf laugt einen K\u00f6rper aus.<\/p>\n<p>Ohnehin schien er seinem K\u00f6rper trotz aller Ert\u00fcchtigung nicht zu trauen. M\u00f6glicherweise empfand er ihn auch als fremd. Die Phantasie zu haben, morgens als K\u00e4fer im eigenen Bett zu erwachen &#8211; ein Bild, das heute weltweit mit seiner Literatur verbunden wird, beinahe, als w\u00e4re das ein Zustand, der sich traumatisch im kollektiven Ged\u00e4chtnis der Menschen verankert hat, \u00e4hnlich den weichen Uhren in Salvador Dal\u00ecs Malerei, nur eben sehr viel drastischer \u2013 also diese Phantasie zu haben, l\u00e4sst auf Erfahrungen mit dem eigenen K\u00f6rper schlie\u00dfen, bei denen ein Gef\u00fchl grunds\u00e4tzlicher Fremdheit oder Andersartigkeit kaum von der Hand zu weisen ist.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kafka-am-Zaun2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-545 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kafka-am-Zaun2.jpg\" alt=\"Kafka am Zaun2\" width=\"3864\" height=\"5152\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kafka-am-Zaun2.jpg 3864w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kafka-am-Zaun2-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kafka-am-Zaun2-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 3864px) 100vw, 3864px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Als er schlie\u00dflich von seiner Todeskrankheit, der Tuberkulose, heimgesucht wurde, wunderte er sich dar\u00fcber nicht. Es war, als wenn er auf eine Krankheit gewartet h\u00e4tte, die ihm unumg\u00e4nglich schien, bei all der Anstrengung, die er unternommen hatte, sein Schreiben und sein Leben zu meistern.<\/p>\n<p>Das Schreiben ist ein k\u00f6rperlicher Vorgang. Wer es sich als rein geistige T\u00e4tigkeit vorstellt, unterliegt einem schweren Irrtum. Der K\u00f6rper schreibt ebenso mit wie das, was wir Seele oder Geist nennen. Der K\u00f6rper reagiert seismographisch und er ist immer der St\u00e4rkere. Man kommt nicht gegen ihn an. Mit gewaltigen geistigen Anstrengungen l\u00e4sst er sich zeitweise \u00fcberlisten, hinhalten, ausblenden oder vertr\u00f6sten, doch unweigerlich fordert er irgendwann sein Recht und dann ist man ihm ausgeliefert. Darin ist er von Natur aus dem Tod \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Kafka muss das sehr genau gewusst haben. Vermutlich wusste er auch, dass er nicht sehr viel Lebenszeit hatte, um die Dinge, die er schreiben wollte, tats\u00e4chlich zu Papier zu bringen und zu vollenden. Soviel Verhinderung an allen Ecken und Enden. Soviel verlorene, f\u00fcrs Schreiben vertane Zeit. Das wird ihn zeitweilig hilflos gemacht haben, sprachlos oder w\u00fctend. Doch er hat niemals aufgegeben, er war ein K\u00e4mpfer. Bis sein K\u00f6rper ihn endg\u00fcltig in die Knie zwang.<\/p>\n<p>Er war ger\u00e4uschempfindlich, hasste L\u00e4rm. Und davon gab es auch zu seiner Zeit schon mehr als genug. Man mag sich das Hufgetrappel und R\u00e4dergerappel der Pferdefuhrwerke auf dem Kopfsteinpflaster, das Geratter der elektrischen Stra\u00dfenbahnen, von denen zudem das ganze Haus erzittert, wenn sie vorbeifahren, das Geschrei und Gerede der Menschen und ihre unendlichen Verrichtungen, die kaum jemals ger\u00e4uschlos sind, am liebsten gar nicht vorstellen. Dazu kommt \u2013 davon gab Kafkas j\u00fcngster Biograf Reiner Stach vor einigen Wochen w\u00e4hrend einer Veranstaltung im Goethe-Institut zum Erscheinen seiner vollendeten Kafka-Biografie ein sehr genaues und anschauliches Bild \u2013 dass die Stadt, in der Kafka lebte, zu seiner Zeit eine einzige Gro\u00dfbaustelle war. Die alte Judenstadt wurde abgerissen, komplett assaniert, wie man hier sagt. An ihre Stelle traten die vielgeschossigen Wohnh\u00e4user der Jahrhundertwende, die noch heute gr\u00f6\u00dftenteils stehen. Es wurden neue Br\u00fccken \u00fcber die Moldau gebaut. Dauernd wurden neue Stra\u00dfenz\u00fcge durch die Stadt gepfl\u00fcgt. Kafka konnte dabei keine Ruhe finden, nie und nirgends, abgesehen von den sp\u00e4ten Abend- oder Nachtstunden in dem gemieteten kleinen H\u00e4uschen in der Alchimistengasse auf dem Hradschin. Das war keine romantische Stadt mit einsamen Gassen und schauerlichen Schatten werfenden Gaslaternen.<\/p>\n<p>Dazu die Enge. Kafka muss sich ungeheuer beengt gef\u00fchlt haben. Der Radius, in dem sein Leben verlief, war nicht gro\u00df. Er l\u00e4sst sich noch heute von einem Ende zum anderen in weniger als einer halben Stunde abschreiten. Die Deutsch sprechenden Juden waren in ihrer Lebensweise isoliert. Sie blieben unter sich. Insofern musste Kafka fast alle Menschen, die ihm t\u00e4glich auf seinen Wegen durch die Stadt begegneten, gekannt haben. Rainer Stach beschrieb auch das sehr anschaulich: Kafka musste wohl alle paar Meter seinen Hut l\u00fcften, um jemanden zu gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Wie sehr wir heute auch oft unter der Anonymit\u00e4t der Gro\u00dfstadt leiden, Kafka machte die gegenteilige Erfahrung. Er traf in seinem Prager Umfeld vermutlich fast niemals auf einen Fremden. Diese Enge, das kann man sich vorstellen, wirkt sich in der Regel auf den geistigen Horizont aus, der ebenfalls begrenzt bleibt. Doch das war bei Kafka nicht der Fall. Bei seinem Umfeld wohl aber schon.<\/p>\n<p>Kafkas Horizont war weit, tief, und scheint, von heute aus betrachtet, nahezu unbegrenzt in seinen M\u00f6glichkeiten. Es ist wohl davon auszugehen, dass er sich nur selten seinem Horizont und seinen geistigen Bed\u00fcrfnissen entsprechend unterhalten konnte. Die Gespr\u00e4chspartner fehlten schlicht. Man nehme seine eigene Familie zum Beispiel. Der Vater ein Kn\u00f6pfez\u00e4hler. Die Schwestern gradlinig in ihren konventionellen Lebensbahnen.<\/p>\n<p>Die Kollegen im B\u00fcro \u2013 Gott bewahre. Vielleicht manchmal der eine oder andere Vorgesetzte, wie Kafka ab und an lobend in seinen Tageb\u00fcchern und Briefen erw\u00e4hnt. Und sicher: die Caf\u00e9haus- und Literatenfreunde, von denen jedoch auch ein jeder seine ganz pers\u00f6nlichen Meinungen und Vorlieben vertrat und in deren Gesellschaft Kafka h\u00e4ufig schweigsam gewesen sein soll. Selbst Max Brod, sein engster Freund, konnte ihm hier wohl auch nicht alles bieten. Ohnehin kann dies ja kein einzelner Mensch f\u00fcr einen anderen leisten.<\/p>\n<p>Man stelle sich also Kafkas K\u00f6rper in allen diesen Zusammenh\u00e4ngen vor. Man begreift, dass er sich nach den Metropolen gesehnt hat, nach Paris, nach Berlin&#8230;<\/p>\n<p>Die Einsamkeit f\u00fcrchtete er keinesfalls, er war ja sowieso allein. Allein sein bedeutet vor allem Unverstandensein. Aus dem Gef\u00fchl des Unverstandenseins in der Welt erw\u00e4chst nicht zuletzt Literatur. Und dieses Gef\u00fchl beginnt fr\u00fch, meist schon in der fr\u00fchen Kindheit. Und ist sp\u00e4ter durch nichts mehr wettzumachen.<\/p>\n<p>Neben der geistigen Ern\u00e4hrung des K\u00f6rpers bleibt dann noch die ungeistige. Kafka ern\u00e4hrte sich vegetarisch. Diese Tatsache trug ihm auch nicht gerade Bewunderung ein. Seine Sexualit\u00e4t bleibt ein R\u00e4tsel. Sicher, in gewisser Weise bleibt sie das bei jedem Menschen. Sein eigent\u00fcmliches Verh\u00e4ltnis zu Frauen wurde, wie alles, was Kafka betrifft, bereits hinl\u00e4nglich \u201euntersucht\u201c. Untersucht ist ein gutes, ein k\u00f6rperliches Wort. \u00c4rzte untersuchen ihre Patienten. F\u00fchlt jemand sich k\u00f6rperlich unwohl, steht ihm eine Untersuchung bevor.<\/p>\n<p>Im Falle Kafkas meint man herausgefunden zu haben, dass sein Verh\u00e4ltnis zu Frauen vielf\u00e4ltig gest\u00f6rt oder zumindest verst\u00f6rend f\u00fcr beide Seiten war. Vor engen Bindungen schreckte er zur\u00fcck, auch wenn er sich wohl danach sehnte. Vielleicht, weil er sie idealisierte, oder einfach, weil er sie als gesellschaftlich schicklich empfand. Er kannte ja in seinem Umfeld so gut wie nichts anderes als Ehen, Familien. Daraus bestand die Welt und das schien ihr Sinn zu sein. Eine Ehe ging er niemals ein, l\u00f6ste Verlobungen. H\u00e4ufig auch mit der Hintert\u00fcr, sich f\u00fcr das Schreiben bewahren zu wollen, zu m\u00fcssen. Sexuelle Erfahrungen? Er soll Bordelle besucht haben. Den Frauen, mit denen er engere Bindungen versuchte, pflegte er meistens einfach zu schreiben. Die Liebe. Ist sie eine geistige oder ein k\u00f6rperliche Sache? Beides? Trennbar? Untrennbar? R\u00e4tselhaft.<\/p>\n<p>Zum K\u00f6rper geh\u00f6rt naturgem\u00e4\u00df auch der Tod. Kafkas K\u00f6rper machte ihm recht fr\u00fch einen Strich durch s\u00e4mtliche Rechnungen, die er vielleicht noch zu begleichen hoffte. Das war 1924, in seinem 41. Lebensjahr. W\u00e4re er nicht gestorben, so h\u00e4tten seinen K\u00f6rper m\u00f6glicherweise noch ganz andere Katastrophen heimgesucht. Solche, von denen er nichts wissen konnte und die er doch, wenn man seine Texte liest, teilweise vorauszuahnen schien. Er h\u00e4tte, so darf man spekulieren, Jahre sp\u00e4ter von den Nationalsozialisten in ein Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet werden oder sowieso sterben k\u00f6nnen. Seine drei Schwestern erlitten dieses Schicksal und ebenso seine tschechische \u00dcbersetzerin und zeitweilige Freundin Milena Jesenska. Vielleicht ist ihm das erspart geblieben. Doch das geh\u00f6rt bereits weit ins Reich der Spekulation.<a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Zeichnungen2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-546\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Zeichnungen2.jpg\" alt=\"Zeichnungen2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Zeichnungen2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Zeichnungen2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Zeichnungen2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Zeichnungen2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a>Ob Kafka seinen K\u00f6rper liebte? Dar\u00fcber l\u00e4sst sich nichts sagen, nur, dass \u00fcberliefert ist, dass er mit seinem \u00c4u\u00dferen oft sehr unzufrieden war, nicht wusste, wie er sich kleiden sollte, um m\u00f6glicherweise vorteilhafter auszusehen, als es ihm selbst schien. Vielleicht empfand er sich als schwach. Doch das war er nicht. Er bewies Mut und St\u00e4rke, sich dem Leben, das er f\u00fchrte, zu stellen. Er stand zu sich. Um noch einmal Rainer Stach zu zitieren, der auch das wunderbar auf den Punkt brachte: Kafka wurde aus der Schw\u00e4che heraus stark. Er hat getan, was er absolut tun wollte, unter den f\u00fcr ihn schwierigen Bedingungen. Das ist und bleibt bewunderungsw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Die Kenntnis der inneren Topographie seiner Stadt Prag erm\u00f6glicht einen etwas leichteren, konkreteren Zugang zu Kafkas Werk. So offensichtlich hatte ich mir das nicht vorgestellt, doch so erlebe ich es hier. Die Stadt Prag war notgedrungen auch ein Teil seines K\u00f6rpers. Heute ist der K\u00f6rper dieser Stadt, rund um sein ehemaliges Lebensgebiet am Altst\u00e4dter Ring, ein Teil Kafkas. Er fand f\u00fcr diese Stadt, die ihn nicht loslie\u00df, das Bild: \u201eDieses M\u00fctterchen hat Krallen.\u201c Krallen sind von Natur aus etwas, das dazu benutzt wird, in einen fremden K\u00f6rper geschlagen zu werden.<\/p>\n<p>Ich bin sehr froh \u00fcber diese Prag-Erfahrung.<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>PS.: Die beiden Fotos stammen aus der sehr sch\u00f6nen, kleinen Ausstellung rechts im Gang neben der Eingangshalle des Century Old Town-Hotels (ehemalige Versicherungsanstalt). Diese liebevolle Ausstellung, ganz unscheinbar und scheinbar unaufwendig, ist die beste, die ich \u00fcber Kafka in Prag gesehen habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donnerstag, 27. November 2014 Kafkas K\u00f6rper Liebster, Kafkas K\u00f6rper erwies sich zun\u00e4chst als sehr widerstandsf\u00e4hig. 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