{"id":541,"date":"2014-11-27T19:24:39","date_gmt":"2014-11-27T19:24:39","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=541"},"modified":"2014-11-27T19:24:39","modified_gmt":"2014-11-27T19:24:39","slug":"briefe-aus-prag-24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=541","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 24"},"content":{"rendered":"<p>Mittwoch, 26. November 2014<\/p>\n<h1>Nat\u00fcrlich, eine alte Handschrift (2)<\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>von Tag zu Tag wird es sp\u00fcrbar k\u00e4lter in Prag. Mittlerweile ist das Thermometer an der Nullgradgrenze und mein Iphone vermeldet, dass es ab Montag schneien soll! Es sieht fast so aus, als hielte der Winter nach meiner Abreise Einzug in die Stadt. Wie sch\u00f6n f\u00fcr mich, dass er noch wartet.<\/p>\n<p>Prag ist in dieser Woche schlagartig leer von Touristen geworden. In den Kirchen und Museen bin ich nahezu die Einzige. Heute stand ich vollkommen allein auf dem Altst\u00e4dter Br\u00fcckenturm. Der junge Mann, der in luftiger H\u00f6he die Tickets kontrolliert, hatte dicht neben dem Radiator seinen Laptop aufgestellt. \u201eI am completly alone, I can\u2019t believe it\u201c, sagte ich zu ihm, nachdem ich die fantastische Aussicht von oben auf die Karlsbr\u00fccke und die Kleinseite ausgiebig genossen hatte, ohne dass auch nur ein weiterer Mensch auf den Turm hinauf gekommen w\u00e4re. \u201eOh, that\u2019s fine\u201c, sagte der Mann, blickte kurz von seinem Laptop auf und sah mich unter seiner Wollm\u00fctze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, an, \u201eso I can relax.\u201c<\/p>\n<p>Im ehemaligen Geb\u00e4ude des Wasserwerks, direkt an der Moldau neben der Karlsbr\u00fccke, hat man ein Museum f\u00fcr Smetana eingerichtet, dessen sinfonisches Werk \u201eDie Moldau\u201c als eine Art von heimlicher Nationalhymne f\u00fcr die Tschechen gilt. Auch in diesen Ausstellungsr\u00e4umen mit Bilderbuchblick auf den Fluss, die Br\u00fccke und die Kleinseite, gab es keine Besucher au\u00dfer mir. Die junge Frau, die dort die Aufsicht f\u00fchrt, sah die ganze Zeit aus dem Fenster auf das Wasser der Moldau, das sich an dieser Stelle rei\u00dfend \u00fcber Stromschnellen ergie\u00dft.<\/p>\n<p>Smetanas erste Frau gebar in den f\u00fcnf Jahren nach der Eheschlie\u00dfung vier T\u00f6chter. Danach reiste ihr Mann nach G\u00f6teborg ab, wo er sich mehr Chancen f\u00fcr seine Musik ausrechnete. Dort, im hohen Norden, hatte er bald eine Sch\u00fclerin und \u201eenge Freundin\u201c. Seine Frau, die zu Hause geblieben war, starb indes. Seit ich &#8211; wohl aufgrund meines Kafka-Frauenprojekts &#8211; den Lebensl\u00e4ufen von Frauen \u201egro\u00dfer M\u00e4nner\u201c mehr Aufmerksamkeit widme, finde ich \u201enebenbei\u201c im Verborgenen haarstr\u00e4ubende Schicksale.<\/p>\n<p>Von den vielen Musiken, die in Prag komponiert und aufgef\u00fchrt wurden und werden \u2013 von den heutigen beliebten und sehr guten Jazzkneipen hier gar nicht zu reden \u2013 gibt es einige, die es ohne diese Stadt, ihre Inspiration und nicht zuletzt ihre G\u00f6nner, gar nicht geben w\u00fcrde. Vielleicht h\u00e4tte Mozart \u201eDon Giovanni\u201c in Wien niemals geschrieben. Vermutlich h\u00e4tten wir Smetanas \u201eMoldau\u201c auch nicht. Was Antonin Dvoraks Sinfonie \u201eAus der Neuen Welt\u201c betrifft, so scheiden sich noch immer die Geister, ob er mit dem Titel wirklich seinen Amerikaaufenthalt meinte, oder aber eine kleine Stra\u00dfe auf der Kleinseite hinter dem Hradschin, die \u201eNovi svet\u201c hei\u00dft.<\/p>\n<p>Einige der gr\u00f6\u00dften Kompositionen von Ludwig van Beethoven g\u00e4be es zudem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht, darunter seine ber\u00fchmte vierte und die f\u00fcnfte Sinfonie, sowie die \u201eEroica\u201c.<\/p>\n<p>Die sehr reiche und jahrhundertealte Adelsfamilie Lobkowicz besa\u00df unter anderem zwei spektakul\u00e4re Palais in Prag, wovon in einem heute, wie ich an anderer Stelle bereits erw\u00e4hnt habe, die Deutsche Botschaft residiert. Das Geb\u00e4ude wurde in der j\u00fcngeren Geschichte vor allem auch dadurch bedeutsam, weil der ehemalige bundesrepublikanische Au\u00dfenminister Genscher hier vor f\u00fcnfundzwanzig Jahren auf den Balkon des Kuppelsaals zum Garten hinaus trat und Tausenden von wartenden DDR-B\u00fcrgern ihre Ausreise in den Westen zusicherte.<\/p>\n<p>Es ist ein sonderbar anr\u00fchrender Moment, auf diesem Balkon zu stehen und in den heute stillen, friedlichen Garten hinabzuschauen, wie es mir nach einer Veranstaltung in der Botschaft verg\u00f6nnt war. Ich erkannte den Ort tats\u00e4chlich noch aus meiner Erinnerung an die Fernsehaufnahmen von damals wieder, als das ganze Gel\u00e4nde \u00fcberf\u00fcllt von Menschen war. Heute befindet sich eine gro\u00dfe Erinnerungstafel an der Stelle, wo Genscher stand, auf der sein ber\u00fchmter Satz zu lesen steht. Hier sp\u00fcrt man tats\u00e4chlich etwas, das man den \u201eAtem der Geschichte\u201c nennen k\u00f6nnte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_542\" aria-describedby=\"caption-attachment-542\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Lobkowiczpalais2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-542 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Lobkowiczpalais2.jpg\" alt=\"Lobkowiczpalais2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Lobkowiczpalais2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Lobkowiczpalais2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Lobkowiczpalais2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Lobkowiczpalais2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-542\" class=\"wp-caption-text\">(c) Foto: Jutta Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die noch lebenden Mitglieder der Familie Lobkowicz sahen diesen historischen Augenblick ebenfalls im Fernsehen, von ihrem Exil im Ausland aus. Sie waren davon ebenfalls bewegt und auch von der Tatsache, dass dies in einem ihrer ehemaligen Anwesen geschah. Man hatte die Familie Lobkovicz zweimal ihres gesamten Besitzes beraubt, und auf wundersame Weise haben sie ihn zweimal zur\u00fcck erhalten. Das erste Mal wurden sie durch die Nationalsozialisten nach deren Einmarsch in Prag enteignet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bekam die Adelsfamilie ihre Besitzungen zur\u00fcck, doch einige Jahre sp\u00e4ter wurden sie ihnen von den Kommunisten wiederum genommen und es gelang ihnen gerade noch, das Land zu verlassen, um ins Exil zu gehen. Nach der Samtenen Revolution kehrten sie zur\u00fcck \u2013 wie sie hoffen, f\u00fcr immer. Heute Abend, w\u00e4hrend einer Veranstaltung zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und einen fast vergessenen deutschsprachigen Prager Autor aus dem Prager Kreis der zwanziger und drei\u00dfiger Jahre, Ludwig Winder, leitete der Historiker Prof. Ivan Schedivy seinen Vortrag mit dem denkw\u00fcrdigen Satz ein: \u201eDie Geschichte lehrt uns, dass wir nichts planen k\u00f6nnen.\u201c Der Satz hallt noch in mir nach und er betrifft auch das Schicksal der Familie Lobkowicz.<\/p>\n<p>Das zweite Palais Lobkowicz in Prag am unteren Ende des Hradschin-Gel\u00e4ndes, vor der alten Schlossstiege, ist heute ein Museum, in dem Teile der Familiensch\u00e4tze auf zwei Stockwerken der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht worden sind. Durch die Sammlung f\u00fchren die lebenden Familienmitglieder h\u00f6chstpers\u00f6nlich per Audioguide.<\/p>\n<p>Ich schlenderte durch beide Stockwerke mit ihren wertvollen Portr\u00e4t- Waffen- Porzellan- Bilder- und Musikinstrumentensammlungen und lauschte den Stimmen der Familie, die ihre Geschichte erz\u00e4hlen. Niemand war au\u00dfer mir dort, nur eine Aufsicht nahm mich in Empfang. Es war, als geh\u00f6re der Palast kurzzeitig mir. Die fantastische Aussicht auf die Stadt durch die Fenster der Salons war zudem mehr als grandios. Doch was hat das alles mit Beethoven zu tun?<\/p>\n<p>Josef Frantisek Maximilian, der 7. Prinz von Lobkowicz war nicht nur ein Musikfreund und Kenner, sondern der ma\u00dfgebliche F\u00f6rderer Beethovens. Diese gro\u00dfz\u00fcgige Unterst\u00fctzung erm\u00f6glichte es Beethoven tats\u00e4chlich, einige Werke zu schaffen, die er, jenseits von Auftragsarbeiten, frei nach seinem eigenem Willen komponieren durfte. So entstand eine Anzahl seiner wichtigsten Werke, unter anderem die \u201eEroica\u201c und die vierte und f\u00fcnfte Sinfonie.<\/p>\n<p>Ich hatte zwar gelesen, dass im Lobkowicz-Palais Handschriften von Beethoven und auch von Mozart zu sehen w\u00e4ren, doch als ich leibhaftig vor den Autographen der Sinfonien stand, war ich ergriffen. Zwei einfache Manuskriptstapel, jeder etwa zehn Zentimeter hoch, versehen mit Beethovens Anmerkungen und Korrekturen.<\/p>\n<p>Leider wurde ich gerade hier misstrauisch von der einzigen Aufsichtsperson be\u00e4ugt, vermutlich, damit ich auch ja kein Foto machte. Anfassen konnte man die Bl\u00e4tter selbstverst\u00e4ndlich sowieso nicht, sie ruhen erhaben in ihrer Glasvitrine. Doch w\u00e4re die Aufsicht nicht gewesen, ich h\u00e4tte wahrscheinlich einen lauten Seufzer ausgesto\u00dfen. Vor Erstaunen. Oder besser aus dem Gef\u00fchl heraus, pl\u00f6tzlich etwas ganz Unglaublichem gegen\u00fcber zu stehen.<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwoch, 26. November 2014 Nat\u00fcrlich, eine alte Handschrift (2) Liebster, von Tag zu Tag wird es sp\u00fcrbar k\u00e4lter in Prag. Mittlerweile ist das Thermometer an der Nullgradgrenze und mein Iphone vermeldet, dass es ab Montag schneien soll! Es sieht fast so aus, als hielte der Winter nach meiner Abreise Einzug in die Stadt. 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