{"id":538,"date":"2014-11-26T12:36:07","date_gmt":"2014-11-26T12:36:07","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=538"},"modified":"2014-11-26T12:36:07","modified_gmt":"2014-11-26T12:36:07","slug":"briefe-aus-prag-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=538","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 23"},"content":{"rendered":"<p>Dienstag, 25. November 2014<\/p>\n<h1>\u201eNat\u00fcrlich, eine alte Handschrift\u201c (Umberto Eco)<\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>bis heute geht eine seltsame Faszination von Bibliotheken aus. Nicht nur f\u00fcr mich, wie ich immer wieder feststellen kann, sondern wohl f\u00fcr jeden, der eines solchen Anblicks gewahr wird. Eine alte Bibliothek zu sehen, mit B\u00e4nden, die Jahrhunderte \u00fcberstanden haben, ist wie aufs Meer hinaus zu blicken. Ein Gef\u00fchl von Endlosigkeit stellt sich ein, als erfahre man pl\u00f6tzlich etwas \u00fcber die Zeit und ihren f\u00fcr immer unbegreiflichen Pulsschlag. Klein und unbedeutend kommt man sich vor und erahnt eine gewaltige F\u00fclle hinter einem unbekannten Horizont. Die Erhabenheit gesammelten Wissens ist etwas, das gr\u00f6\u00dfer ist als wir selbst. Es fl\u00f6\u00dft uns etwas wie Hochachtung ein, wir m\u00f6chten uns verneigen vor dieser Macht.<\/p>\n<p>Nicht von ungef\u00e4hr umgibt alte Bibliotheken daher die Aura des Mythischen. Unsch\u00e4tzbare Werte gehen und gingen zu allen Zeiten bei der Zerst\u00f6rung von abendl\u00e4ndischen Bibliotheken verloren, durch Pl\u00fcnderungen und Kriege, Vandalismus und Br\u00e4nde.<\/p>\n<p>Kl\u00f6ster sind von jeher ein Ort des Bewahrens. Und da, wer das Wissen hat, auch die Macht besitzt, wurden zu allen Zeiten gerade eben auch bestimmte B\u00fccher f\u00fcr gef\u00e4hrlich gehalten. Die Kl\u00f6ster mit ihren Reicht\u00fcmern an B\u00fcchersch\u00e4tzen, oftmals meisterlichen Handschriften, Buchillustrationen und Buchbindearbeiten, waren gleicherma\u00dfen auch die H\u00fcter von Geheimnissen, die nach Meinung des Klerus nicht an die \u00d6ffentlichkeit dringen sollten. In \u201eGiftschr\u00e4nken\u201c und geheimen Zimmern, zu denen der Abt den Schl\u00fcssel am G\u00fcrtel trug, bewahrten sie auch das Wissen auf, das ihrer Ansicht nach nicht unters Volk kommen sollte. Der Vatikan hat bis heute seinen Index.<\/p>\n<p>Umberto Eco hat einen Roman zu diesem Thema geschrieben. Seine gro\u00df angelegte Historiengeschichte \u201eDer Name der Rose\u201c, in der am Ende eine fiktive, ungeheuerlich wertvolle Klosterbibliothek aufgrund des Fanatismus eines Geistlichen, der Werke unter Verschluss halten wollte, in Flammen aufgeht, wurde weltber\u00fchmt und selbst eine Art Mythos. Eco stellt seinem Roman, so wahr wie augenzwinkernd, das Motto voran: \u201eNat\u00fcrlich, eine alte Handschrift\u201c.<\/p>\n<p>Daran musste ich heute denken, als ich vor den R\u00e4umen der Bibliothek des Klosters Strahov hinter dem Hradschin stand. 250 000 Werke umfasst der Bestand, darunter 3000 Handschriften, die bis ins Jahr 860 zur\u00fcckreichen. Zwei ungeheuerliche historische Bibliothekss\u00e4le darf der Besucher sehen, gottlob aber nicht betreten. Der \u00e4ltere, niedrige Saal, die theologische Bibliothek, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Ausgeschm\u00fcckt mit einer Freskendecke vom Beginn des 18. Jahrhunderts stehen hier etwa 20 000 in Leinen und Schweinsleder gebundene B\u00e4nde zur Theologie, dazu astronomische und geographische Globen aus der Zeit. Eine Schatzkammer.<\/p>\n<p>Verbunden durch einen Gang gelangt man zum j\u00fcngeren und gr\u00f6\u00dferen Bibliothekssaal aus dem 18. Jahrhundert. Der damalige Abt lie\u00df den Saal erbauen, da er mehr Platz f\u00fcr die Klosterbibliothek brauchte. Er kaufte B\u00fccherschr\u00e4nke aus einem anderen Kloster auf und lie\u00df den Saal nach den M\u00f6beln erbauen. Ein ungeheurer Anblick, fast 50 000 B\u00e4nde entlang der W\u00e4nde und auf der umlaufenden Galerie, in mit reichen Schnitzereien verzierten B\u00fccherschr\u00e4nken. Dieser philosophische Saal umfasst die verschiedensten Wissensgebiete, Naturwissenschaften, Philosophie und Philologie, \u00fcberstrahlt von einem Deckengem\u00e4lde zur geistigen Entwicklung der Menschheit. Man gewinnt bei diesem Anblick den Eindruck, dass die Bibliothek von Babel lebt und auch die gro\u00dfe Bibliothek von Alexandria vielleicht doch nicht ganz abgebrannt ist.<\/p>\n<p>Das Bibliotheksgeb\u00e4ude steht allein auf dem Gel\u00e4nde des Klosters, abgetrennt von den Wohn- Ess- und Schlafr\u00e4umen der damaligen M\u00f6nche, in Korrespondenz zur Klosterkirche, jedoch eine sehr eigenst\u00e4ndige, stolze Trutzburg des Wissens.<\/p>\n<p>Im Gang zwischen den beiden Bibliotheksr\u00e4umen ist in einem Intarsienschrank die sogenannte dendrologische Bibliothek untergebracht, in der in 68 B\u00e4nden zu Beginn des 19. Jahrhunderts s\u00e4mtliche Baumsorten der in B\u00f6hmen wachsenden H\u00f6lzer dokumentiert sind. Jeder Band ist einer Baumart gewidmet, der Buchr\u00fccken ist von der jeweiligen Baumrinde bedeckt, im Innern der B\u00fccher wird das Wissen \u00fcber die Baumart aufbewahrt mit Bl\u00e4ttern, Bl\u00fcten, Fr\u00fcchten, Astschnitten und sogar Sch\u00e4dlingen. Eine Bibliothek f\u00fcr Elfen. Tolkien h\u00e4tte seine helle Freude daran haben m\u00fcssen. Gerne h\u00e4tte ich ein solches Buch in die Hand genommen.<\/p>\n<p>Heute lebt wieder eine kleine M\u00f6nchsgemeinschaft im Kloster Strahov. Auf einem Foto sehe ich einen M\u00f6nch im heutigen Skriptorium sitzen \u2013 vor einem Computerbildschirm.<\/p>\n<p>Sehr beeindruckt gehe ich fort, in einen tr\u00fcben, leicht nebeligen, kalten Prager Nachmittag. Auf dem Hradschinplatz nur eine Handvoll Menschen, ein verhangener Blick auf die Stadt hinunter, sie ruht wie mit einem Weichzeichner hinter Dunstschleiern. Es dringen kaum Ger\u00e4usche herauf, ein einheitliches helles Grau ist die beherrschende Farbe.<\/p>\n<p>Bevor, wie t\u00e4glich, beinahe alle Museen und Institutionen um 16 Uhr schlie\u00dfen, bekomme ich noch Zugang zum Loreto-Heiligtum, zwischen Hradschinplatz und Strahov-Kloster gelegen. Ein Wallfahrtsort mit dem rangh\u00f6chsten Heiligtum Tschechiens, einer sehr anmutigen schwarzen Madonna mit gro\u00dfer Ausstrahlung, getreue Nachbildung einer Marienstatue aus dem italienischen Loreto von 1626. In der Mitte des Kreuzgangs des Kapuzinerklosters mit Kirche hat man eine Art steinernen Schrein f\u00fcr diese Madonna geschaffen, wo die Wallfahrenden vor ihrem Anblick beten k\u00f6nnen. Angeblich gibt es immer lange Wartezeiten. Doch heute bin ich vollkommen allein da, nur die Madonna und ich, sogar ohne Wachpersonal.<\/p>\n<p>Das Wachpersonal tut mir \u00fcbrigens leid. \u00dcberall m\u00fcssen sie stehen und sitzen. In der Gem\u00e4ldegalerie des Klosters Strahov allein drei von ihnen, jeder auf einem Stuhl in einer Ecke, mit \u00dcberblick \u00fcber einen weiteren Gang. Sie putzen sich die Nasen, sie starren vor sich hin auf den Boden, sie blicken stumm auf das Display ihres Mobiltelefons, sie stehen kurz auf und gehen zu einem der Bilder hin, als ob sie es noch niemals gesehen h\u00e4tten, dann zur\u00fcck, und sie setzen sich wieder. Oder in der Kirche des Loreto-Klosters, ganz hinten rechts stehend in der Ecke, ger\u00e4usch- und bewegungslos, eingepackt in eine Winterjacke mit Kapuze. Ich begr\u00fc\u00dfe alle diese Wachleute und verabschiede mich wieder, wenn ich gehe, was jeweils mit einem erstauntem Kopfnicken, manchmal mit einem L\u00e4cheln quittiert wird. Sie sind wohl angewiesen, auszustrahlen: Ich bin eigentlich gar nicht da, k\u00fcmmern Sie sich nicht um mich! Was f\u00fcr ein Job! Dass sie nicht vor Langeweile anfrieren oder einschlafen, ist mehr als verwunderlich. Und was machen sie mit ihren Gehirnen w\u00e4hrend ihrer Dienstzeiten? Lesen ist ihnen wahrscheinlich verboten. Sie m\u00fcssen ja aufpassen&#8230;<\/p>\n<figure id=\"attachment_539\" aria-describedby=\"caption-attachment-539\" style=\"width: 3864px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Sensenmann2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-539 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Sensenmann2.jpg\" alt=\"Sensenmann2\" width=\"3864\" height=\"5152\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Sensenmann2.jpg 3864w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Sensenmann2-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Sensenmann2-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 3864px) 100vw, 3864px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-539\" class=\"wp-caption-text\">(c) Foto: Jutta Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Man sollte meinen, dass es in Prag keine neuen Kunstsch\u00e4tze mehr zu entdecken gibt. Doch weit gefehlt. Vor einigen Jahren erst hat man in der Loreto-Kirche eine Krypta mit spektakul\u00e4ren schwarz-wei\u00df Fresken gefunden, die von der Verg\u00e4nglichkeit allen Lebens erz\u00e4hlen. Der Engel mit dem Flammenschwert etwa oder der allgegenw\u00e4rtige Tod mit seiner Sense, Darstellungen aus der zweiten H\u00e4lfte des 17. Jahrhunderts. Die Krypta selbst ist nicht zug\u00e4nglich, es gibt aber einen Nachbau auf der Galerie des Kreuzgangs.<\/p>\n<p>Leider hatte der kleine Museumsshop bereits geschlossen. Ich habe mir daher erlaubt, einen Schnappschuss von dem ausgestellten Poster der alles beherrschenden Todesfigur zu machen.<\/p>\n<p>Danach, leicht durchgefroren und hungrig, zum Caf\u00e9 Slavia. Mein Pianist ist aus Amerika zur\u00fcck und spielt wundersch\u00f6n \u201eAs time goes by\u201c. Ja, meine Zeit hier l\u00e4uft auch langsam ab. Es beschleicht mich ein leichtes Gef\u00fchl von Abschied, das sich wie ein seidenes Tuch \u00fcber die Stadt legt und gut zum grauen Nebel passt. Hie und da ist mir, als s\u00e4he ich blaue, l\u00e4nger werdende Schatten.<\/p>\n<p>Schnell zahlen und in die Stra\u00dfenbahn, bevor er wieder anf\u00e4ngt zu spielen. Gegen Sentimentalit\u00e4t hilft ungemein, eine Dreiviertelstunde in den oftmals \u00fcberf\u00fcllten Stra\u00dfenbahnen und Metroz\u00fcgen hinaus in die Vorstadt zu fahren, um in meine warme Wohnung und an den Schreibtisch zu kommen.<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dienstag, 25. November 2014 \u201eNat\u00fcrlich, eine alte Handschrift\u201c (Umberto Eco) Liebster, bis heute geht eine seltsame Faszination von Bibliotheken aus. Nicht nur f\u00fcr mich, wie ich immer wieder feststellen kann, sondern wohl f\u00fcr jeden, der eines solchen Anblicks gewahr wird. 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