{"id":531,"date":"2014-11-24T21:35:10","date_gmt":"2014-11-24T21:35:10","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=531"},"modified":"2014-11-24T21:35:10","modified_gmt":"2014-11-24T21:35:10","slug":"briefe-aus-prag-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=531","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 21"},"content":{"rendered":"<p>Sonntag, 23. November 2014<\/p>\n<h1>Havel na Hrad<\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>heute war Kinotag. Zuerst habe ich in der wunderbaren Jugendstil-Ausstellung im Gemeindehaus nicht nur meinen Eindruck der Art Nouveau-Epoche, nach dem Besuch im Mucha-Museum vor einigen Tagen, vervollst\u00e4ndigen und erweitern k\u00f6nnen: Gro\u00dfartig beispielsweise die ausgestellten Kleider aus der Zeit. Die \u201efemme fatale\u201c, eine Erfindung des Jugendstils sozusagen, musste eine reichhaltige Garderobe vorweisen, um gesellschaftlich bestehen zu k\u00f6nnen. Dazu war einerseits Geld notwendig und andererseits viel Zeit. Sie musste sich mindestens f\u00fcnf Mal am Tag umziehen, um vom Fr\u00fchst\u00fcck \u00fcber das Mittagessen, den nachmitt\u00e4glichen Teeempfang und den Parkspaziergang bis hin zum abendlichen Theaterbesuch oder dem Ballsaal jeweils \u00e0 la mode gekleidet zu sein. Ich dachte dabei die ganze Zeit an Wedekinds \u201eLulu\u201c und h\u00e4tte ihr gerne alle diese Kleider angezogen. Am aussagekr\u00e4ftigsten in ihrem Fall nat\u00fcrlich die Unterw\u00e4sche, die Mieder mit Strumpfhaltern und die Korsagen!<\/p>\n<p>Ach, wie gut, dass ich in meiner bequemen Jeans hier entlang schlendern kann, ohne dass jemand mir eine Kleiderordnung abverlangt, einfach mit Pulli und Jacke und gutem Schuhwerk f\u00fcr die kopfsteingepflasterten Prager Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Doch ein Herzst\u00fcck der Ausstellung war f\u00fcr mich der kleine Schwarzwei\u00df-Dokumentarfilm \u00fcber das Prag von 1908 \u2013 somit auch das Prag, das Kafka gesehen hat. Eine wackelige Kamerafahrt in der offenen Stra\u00dfenbahn und viele authentische Stadtbilder. Das meiste, was damals dem Kameramann vor die Linse kam, gibt es ja wunderbarerweise noch, nur manches nicht mehr, wie die Ausgehroben der Damen oder die Kettenbr\u00fccke \u00fcber die Moldau, wo Kafka so gerne spazieren ging. H\u00e4tte ich diesen Film in meinen ersten Tagen hier gesehen, w\u00e4re es mir nicht m\u00f6glich gewesen, mich zu orientieren. Doch jetzt erkenne ich alle Ecken, Pl\u00e4tze und Stra\u00dfenz\u00fcge auf Anhieb. Der Wenzelsplatz, das Nationaltheater, das obere Ende der Nerudova, wo es rechts zum Hradschinplatz hinaufgeht, die alte Schlossstiege, der Kleinseitener Br\u00fcckenkopf der Karlsbr\u00fccke. Denkt man sich die Garderobe der Passanten anders und sehr viel mehr Gesch\u00e4fte und Schaufenster dazu, so k\u00f6nnten es Aufnahmen von heute sein, nur in schwarzwei\u00df.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag gehe ich ins Lucerna-Kino. Im kleinen Saal, ganz oben unter dem Dach, wo jeder Kinositz mit dem Konterfei eines Leinwandstars ausgestattet ist, sehe ich den brandneuen Dokumentarfilm \u00fcber V\u00e0clav Havel.<\/p>\n<p>\u201eOh, James Bond!\u201c sagt die Dame in der Reihe vor mir. Sie meint das Bild auf dem Sessel, auf den sie sich setzt. Ich habe Marilyn Monroe nur knapp verfehlt.<\/p>\n<p>Hier gibt es noch einen h\u00f6lzernen Garderobenst\u00e4nder, kein Popcorn, und die beschirmten L\u00e4mpchen rechts und links an den W\u00e4nden wirken beschaulich. Doch es ist keinesfalls muffig oder altbacken, es strahlt ruhige Konzentration und stolze Tradition aus. Viele der Kinobesucher sind sehr alt, sie kommen nur mit M\u00fche die vielen Treppen zum Kinosaal hinauf. Einen Aufzug gibt es wohl nicht. Mir wird bewusst, dass es sich dabei wohl um Zeitgenossen Havels handeln muss. Sie m\u00f6gen ihn vielleicht sogar pers\u00f6nlich gekannt haben. Das r\u00fchrt mich. Und es gibt mir einen ersten Hinweis auf das schnelle Vergehen der Zeit.<\/p>\n<p>Der Film tut dann ein \u00dcbriges. Zwar verstehe ich fast kein Wort, abgesehen von den wenigen S\u00e4tzen, die Havel auf Englisch spricht, vor einem ausl\u00e4ndischen Parlament etwa oder zu einem internationalen Reporter. Der Film wird nicht englisch untertitelt, man rechnet hier wohl nicht mit ausl\u00e4ndischen Besuchern. Doch die Bilder sprechen f\u00fcr sich und nehmen mich gefangen. Der Wenzelsplatz, ein einziges wogendes Meer aus Menschen und Flaggen, als Havel ans Mikrophon tritt. &#8211; Die sowjetischen Panzer direkt hinter der Reiterstatue Wenzels, die eine Menschenmenge vor sich hertreiben. &#8211; Der junge Havel am Schlagzeug. &#8211; Der Pr\u00e4sident Havel am Kontrabass. &#8211; Ein fl\u00fcchtig in die Kamera blickender Dissident Havel, der bei seiner Verhaftung kurz und schnell das Victory-Zeichen macht, bevor er in ein Fahrzeug geschubst wird. \u2013 Die Gesichter der Trauernden beim Begr\u00e4bnis von Jan Palach.<\/p>\n<figure id=\"attachment_532\" aria-describedby=\"caption-attachment-532\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kinoplakat2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-532 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kinoplakat2.jpg\" alt=\"Kinoplakat2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kinoplakat2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kinoplakat2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kinoplakat2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kinoplakat2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-532\" class=\"wp-caption-text\">(c) Foto: Jutta Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Havels Leben in f\u00fcnfundsiebzig Minuten in sprechenden Bildern, von der Geburt bis zum Staatsbegr\u00e4bnis: Havel als junger Dichter mit Zigarette. Havel im B\u00fcro des Pr\u00e4sidenten, die Haare k\u00fcrzer und ordentlicher jetzt und mit Krawatte, doch ebenfalls mit der unentbehrlichen Zigarette. Im Garten seines Landhauses, gegen\u00fcber einer Baracke, aus der heraus die Geheimpolizei jeden seiner Schritte \u00fcberwacht. Eine gar nicht geheime \u00dcberwachung. Er nennt sie einem ausl\u00e4ndischen Journalisten gegen\u00fcber \u201emy new neighbours\u201c.<\/p>\n<p>Die Kinobesucher lachen oft, vermutlich \u00e4u\u00dfert er sich zu vielen Sachverhalten mit Humor, das kann man oftmals auch an seinem schelmischen, leicht am\u00fcsierten Blick ablesen, selbst, wenn es um die wirklich ernsten Dinge geht.<\/p>\n<p>Sein Leben in knapp f\u00fcnfundsiebzig Minuten vorbeiziehen zu sehen, ist eine gewaltige Zeitreise. Ich m\u00f6chte manchmal gerne verharren, dem, was ich sehe, nachh\u00e4ngen k\u00f6nnen. Doch unaufh\u00f6rlich treiben die Bilder weiter bis zum Ende, die schwarze Flagge auf der Prager Burg. In der letzten Einstellung ist er wieder jung, geht mit seinem Hund durchs Gartentor hinaus in den Schnee, wirft einen Ast, den der Hund apportiert. Dann ist es aus und ich stehe wieder drau\u00dfen auf dem Wenzelsplatz. Wie durch eine Folie sehe ich noch die Menschenmasse, die ihm zujubelte, auf dem \u00fcberf\u00fcllten Platz und an allen Fenstern und Balkonen. M\u00fchsam rei\u00dfe ich mich in die Wirklichkeit des Novembers 2014 zur\u00fcck. \u201eBohemian glass\u201c, original tschechische K\u00fcche, Mc Donalds-Restaurants, Schuhgesch\u00e4fte, Bettler.<\/p>\n<p>Wie kurz ein Menschenleben ist, das, obwohl so ereignisreich, in f\u00fcnfundsiebzig dichten Minuten zusammengefasst werden kann. Gestern lief er hier entlang, heute ich, morgen&#8230; Was machen wir mit dieser kleinen Zeit, in der unser Leben vergeht. Bevor meine Gedanken mich allzu traurig und d\u00fcster werden lassen, betrete ich schnell einen Buchladen, der gerade noch eine Viertelstunde ge\u00f6ffnet hat.<\/p>\n<p>\u201eHavel z\u00e4hlte in der Generation der Dissidenten zu den Wenigen, die den \u00dcbergang zur demokratischen \u00c4ra schafften, ohne ihren Idealismus oder ihre Bedeutung zu verlieren. Seine dreizehnj\u00e4hrige Pr\u00e4sidentschaft, zun\u00e4chst der Tschechoslowakei, dann der Tschechischen Republik, geh\u00f6rt zum besseren Teil der Zeit nach 1989&#8230; Noch vor seinem Tod im Dezember 2011 bekundete Havel seine Abneigung gegen die Richtung, in die sich nach seiner Meinung die tschechische Gesellschaft entwickelte. Die Dinge waren nicht so gelaufen, wie von ihm erhofft; Cowboy-Kapitalismus, Korruption und Ellenbogenpolitik hatten seine Vision der Zukunft des Landes besch\u00e4digt. Wie in weiten Teilen des postkommunistischen Europas war die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft noch unsicher, w\u00e4hrend die demokratische Revolution erfolgreich war.\u201c<\/p>\n<p>Mit diesen Worten zitiert die \u201ePrager Zeitung\u201c, Prags deutsche Wochenzeitung, in ihrer Presseschau das Londoner Magazin \u201eThe Economist\u201c.<\/p>\n<p>Die Tschechen haben Probleme mit ihrem Staatsoberhaupt Milos Zeman. Am Staatsfeiertag zum 25. Jubil\u00e4um der Samtenen Revolution war ich auf dem Hradschinplatz dabei, als ihm Demonstranten die rote Karte f\u00fcr sein Verhalten und seine Politik zeigten. Es scheint, V\u00e1clav Havel hatte mit seinen Bedenken leider Recht. Zeman verharmlost Russlands Ukraine-Politik und leistet sich wohl immer wieder unglaubliche \u00f6ffentliche Fauxpas, die den Eindruck erwecken, er habe die Kontrolle \u00fcber sich verloren. Immer mehr dr\u00e4ngt sich der Vergleich mit Boris Jelzin auf, der ebenfalls oftmals und gerne \u00fcber die Str\u00e4nge schlug. Quer durch die Parteienlandschaft wendet sich das Volk von seinem Pr\u00e4sidenten ab.<\/p>\n<p>Die \u201ePrager Zeitung\u201c zitiert auch die FAZ: \u201eIn der Tschechischen Republik ist die Erinnerung an die Wende aufs Engste mit V\u00e1clav Havel verbunden. Als der im Dezember 2011 starb, ahnte keiner, wie rasch eine neue F\u00fchrungsgarnitur in der Tschechischen Republik sein politisches Erbe verspielen w\u00fcrde.\u201c Die wahre Gefahr gehe nicht mehr vom Kommunismus aus, sondern von denen, die auf autorit\u00e4re Methoden setzten und die Demokratie missbrauchten, um sich Wirtschaft, Medien und politische Macht unterzuordnen.<\/p>\n<p>Mit heute sehr nachdenklichen Gr\u00fc\u00dfen,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag, 23. November 2014 Havel na Hrad Liebster, heute war Kinotag. 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