{"id":526,"date":"2014-11-23T23:50:43","date_gmt":"2014-11-23T23:50:43","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=526"},"modified":"2014-11-23T23:53:07","modified_gmt":"2014-11-23T23:53:07","slug":"briefe-aus-prag-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=526","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 20"},"content":{"rendered":"<p>Samstag, 22. November 2014<\/p>\n<h1>Casanova tanzt (2)<\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>Erster Balkon, Loge 18, dort hat Giacomo Casanova sich mit der sch\u00f6nen Dame im blauen Kleid verabredet. Endlich, er kann es kaum erwarten, anzukommen, die Pferde scheinen ihm heute so langsam, die Stra\u00dfen sind voller hastender Menschen und im allgemeinen Trubel steckengebliebener Fuhrwerke, alle scheinen dem Theater zuzustreben. Kein Wunder, Mozart aus Wien feiert seine Premiere, jeder, der eine Karte ergattern konnte, ist dahin unterwegs. Seit Tagen ist er Stadtgespr\u00e4ch, der kleine Wiener, ach was, seit Wochen schon, hier und da pfeifen sie immer noch die Melodien seines \u201eFigaro\u201c und nun erwarten sie die neue, gro\u00dfe Oper des Wunderkomponisten, \u201eDon Giovanni\u201c. Casanova wei\u00df nicht recht, was er davon halten soll. Gelassenheit, Neugier und kleine Anfl\u00fcge von Panik, die ihm den Schwei\u00df aus den Poren treiben, wechseln sich in ihm ab. Er sitzt in die Polster seiner Kutsche gedr\u00fcckt und f\u00e4chelt sich mit einem Taschentuch Luft zu. Man ist immer geneigt, zu glauben, dass man selbst gemeint ist, in der Literatur, dabei sind es doch nur Hirngespinste, die gar nichts mit einem zu tun haben. Parallelen, sicher, die mag es geben, aber das kann auch Zufall sein, woher sollte schlie\u00dflich dieser etwas theoretische und ungelenke Librettist Lorenzo da Ponte Kenntnis irgendwelcher Interna haben. Andererseits, er ist Venezianer, ein Landsmann, und Venedig ist klein und voller Ger\u00fcchte, da sollte man schon ein wenig auf der Hut sein.<\/p>\n<p>Casanova seufzt. Er ist schon so lange aus seiner Heimatstadt vertrieben, selbst eine Stadt wie Prag reicht nicht an Venedig heran. Sie kann sich in vielem messen, sicherlich, und es lebt sich gut hier, vor allem in den Palais auf der Kleinseite, wo die Adeligen sich in weitl\u00e4ufigen G\u00e4rten ergehen und ihre T\u00f6chter zur Schau stellen, oder gelangweilt Karten spielen und sich immerzu Tee servieren lassen. Dagegen mischt ein Mann wie Mozart alles auf, setzt sich an jedes verf\u00fcgbare Cembalo, macht sogar die Orgeln in den diversen Kirchen unsicher, dieser Mann scheint Musik im Blut zu haben, dass es einem schon fast zuviel wird. Und wie in aller Welt ist er auf \u201eDon Giovanni\u201c gekommen? Oder war es am Ende doch eher da Ponte, der darauf kam? Als er im vergangenen Jahr in Dresden mit ihm zusammentraf, bei jenem ausgesprochen herrlichen Fasan. Zugegeben, Sie hatten beide ein wenig zu viel getrunken, als sie \u00fcber die Elbterrassen zu ihrem Hotel wankten. Es war eben ein Wein aus dem Veneto. Hat er ihm dabei m\u00f6glicherweise einen Anlass geboten, die Idee zu geb\u00e4ren, sein Leben f\u00fcr einen Opernstoff zu verwenden? Gott bewahre. Doch Casanova erinnert sich leider nicht mehr an Details aus jener denkw\u00fcrdigen Nacht.<\/p>\n<p>Endlich ist er vor dem Theater angekommen, er qu\u00e4lt sich aus der Kutsche, jemand gr\u00fc\u00dft ihn, er sieht nicht hin, macht nur einige m\u00fcde Handbewegungen nach rechts und links, winkt mit dem Taschentuch. Ach, w\u00e4re man in Venedig und k\u00f6nnte jederzeit, auch auf der Stra\u00dfe, eine Maske tragen! Nichts wie hinein in den Musentempel und sofort die Treppe hinauf. Jemand scheint ihm seinen Namen hinterher zu rufen, er t\u00e4uscht einen Hustenanfall vor und macht, dass er wegkommt, dr\u00e4ngt sich die Treppe hoch, zwischen den Kleidern der Frauen, den Ellenbogen der Herren hindurch. Sie murren und lassen ihn doch vorbei. Diese Ger\u00fcche im Theater! Da dr\u00fcben muss die Loge sein, 10, 11, ah, dort entlang, 15, 16 \u2013 da ist sie ja! Die 18 auf der T\u00fcr ist wie eine Verhei\u00dfung, sie soll ihm heute Nacht Gl\u00fcck bringen, die acht steht f\u00fcr Unendlichkeit. Er l\u00e4sst sich vom Logenschlie\u00dfer die T\u00fcr \u00f6ffnen, schl\u00fcpft hinein, atmet auf, allein zu sein.<\/p>\n<p>Die Sch\u00f6ne ist noch nicht da, er hatte die Einladung mit dem Billett ins Mansfeld-Palais bringen lassen, schon vorgestern, und keine Antwort erhalten. Aber das will nichts besagen, im Gegenteil, es ist ein gutes Zeichen, sie hat nicht abgesagt! Also wird sie kommen und wenn sie sich davonstehlen muss. Sie wird heimlich das Haus verlassen und erst in letzter Minute eintreffen. Selbstverst\u00e4ndlich will sie nicht gesehen werden, vor allem nicht mit ihm. Er wird warten, geduldig, das Spektakel f\u00e4ngt noch nicht an, im Augenblick str\u00f6mt das Volk durch die T\u00fcren ins Parkett und in den Logen r\u00fccken die Damen ihre feinen Hintern zurecht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_527\" aria-describedby=\"caption-attachment-527\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Theater2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-527 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Theater2.jpg\" alt=\"Theater2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Theater2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Theater2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Theater2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Theater2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-527\" class=\"wp-caption-text\">(c) Foto: Jutta Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der in Kerzen erstrahlende Theatersaal, f\u00fcnf R\u00e4nge hoch, das geheimnisvolle Rascheln der Kleider, erwartungsvolles Fl\u00fcstern und Wispern, es ist, als knistere es vor Spannung in der Luft. Der taubenblau geraffte schwere Vorhang, die kleinen Logen \u00fcber drei R\u00e4nge hinauf, jede ein intimes S\u00e9par\u00e9e. Das Paradies k\u00f6nnte nicht verhei\u00dfungsvoller sein. Dieser Mozart hat Gl\u00fcck, einfach unversch\u00e4mtes Gl\u00fcck. Sie lieben ihn hier, in Wien bekommt er keinen Fu\u00df auf den Boden, aber hier in Prag liegt man ihm zu F\u00fc\u00dfen und die Atmosph\u00e4re produziert ihm schon von ganz allein den Erfolg. Dazu der Stoff \u2013 vielleicht ist doch ein klein wenig von seinem, Casanovas Mythos, in die Oper eingeflossen? Er hat eine Probe gesehen, die vielversprechend war, Don Giovanni verf\u00fchrt eine junge Unschuldige in einer Gartenlaube&#8230; und dieser verr\u00fcckte Mozart schien auf der Probe mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen zugleich zu reden. Ein engagierter Mann, ohne Zweifel. Ein wenig h\u00e4sslich, aber seine Frau nicht minder, wo mag sie sitzen, die kleine Constanze, ganz vorne in einer der Proszeniumslogen oder unten im Parkett? Sie l\u00e4sst ihn ja kaum aus den Augen, ihren Wolferl.<\/p>\n<p>Casanova kann sie nirgends entdecken, will sich jedoch nicht zu weit \u00fcber die Br\u00fcstung lehnen, um nicht aufzufallen oder gar erkannt zu werden. Das w\u00e4re zu unangenehm, wenn man w\u00fcsste, der ber\u00fchmte Casanova befindet sich in Loge 18! Mal sehen, wie er auf die Oper reagiert. Vielleicht gibt es Anspielungen, vielleicht produziert er einen Skandal! Und wer zum Teufel ist die Sch\u00f6ne neben ihm?<\/p>\n<p>Wo sie auch bleibt. Nein, auf einen Skandal seinerseits darf man hier heute Abend getrost vergeblich warten. Er ist gekommen, um sich zu am\u00fcsieren und, nun ja, zugegeben, ein wenig neugierig ist er schon. Wo sitzt dieser da Ponte? Vorsichtig sp\u00e4ht Casanova hinunter ins Parkett, seine Augen tasten die Logen gegen\u00fcber ab. Er hat den Mantel ausgezogen und h\u00e4ngt ihn zur Feier des Tages selbst an den Haken neben der T\u00fcr. Er hat seinem Diener heute frei gegeben, er wollte keinen Diener dabei haben, das fehlte noch, ein Augenzeuge bei diesem verschwiegenen Tete-\u00e0-tete in aller \u00d6ffentlichkeit. Ein genialer Einfall, sich allein unter den Augen der Masse zu treffen. Doch wo bleibt sie nur?<\/p>\n<p>Die Musiker haben Platz genommen und jetzt geht ein Raunen durch den Saal. Der Maestro erscheint, mit einem etwas h\u00fcpfenden Gang, wirklich ungeschickt, kein bisschen elegant. Wie kann ein solcher T\u00f6lpel diese grandiose Musik machen? Ja, richtig, er dirigiert ja heute selbst. Das hat er sich nicht nehmen lassen, sagt man. Er verteilt Notenbl\u00e4tter im Orchester, man kann nur staunen. Nun f\u00e4llt es Casanova wieder ein, die Ouvert\u00fcre soll gestern noch nicht fertig gewesen sein. Der hat wirklich Nerven, dieser Salzburger Junge. Er stellt sich ans Pult, die Kerzen flackern, er dreht sich zum Zuschauerraum und verbeugt sich leicht. Applaus brandet auf, er dreht sich zur\u00fcck zu den Musikern, hebt die Arme, als wollte er das Orchester umarmen, seine Per\u00fccke ist jetzt bereits verrutscht, da, der erste Ton. Es hat begonnen.<\/p>\n<p>Das Gemurmel versiegt augenblicklich, ist einem gebannten Schweigen gewichen. Casanova blickt verstohlen zur T\u00fcr. Seine Sch\u00f6ne, sie ist nicht gekommen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die ersten Takte erklingen &#8211; sie nehmen einen gefangen, das muss man sagen, wann hat er das komponiert, doch nicht etwa letzte Nacht? \u2013 blickt Casanova in den Spiegel, der rechts an der Logenwand h\u00e4ngt. Einen alten, schlaffen, in sich zusammengesunkenen K\u00f6rper sieht er da, er erscheint ihm fremd, ganz unbekannt. Diese m\u00fcden Augen unter einer verschwitzten Stirn schauen im flackernden Halbdunkel zur\u00fcck. Ist das wirklich er?<\/p>\n<p>Die Musik bringt etwas in ihm zum Vibrieren, als m\u00fcsse er sich seiner selbst erinnern. Damals, als er&#8230;<\/p>\n<p>Ach, was ist eine einzige Frau, die eine Verabredung mit ihm in den Wind schl\u00e4gt, gegen diese unsterbliche Musik. Sp\u00e4ter, wenn es vorbei ist, wird er sich mit einer anderen tr\u00f6sten.<\/p>\n<p>In Mozarts Gefolge gibt es genug lauernde Damen, die vergeblich auf ein L\u00e4cheln des Maestros warten. Er traut sich ja nicht einmal, zur\u00fcck zu l\u00e4cheln. Sonst h\u00e4ngt sein Haussegen mit Constanze schief. Dabei soll er doch zu seiner G\u00f6nnerin in die Vorstadt gezogen sein und Constanze im Hotel zur\u00fcckgelassen haben. Angeblich, um sich zu konzentrieren<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, ja. Casanova m\u00f6chte die Augen schlie\u00dfen, eintauchen in die Musik, Doch jetzt hebt sich der Vorhang. Ist das Don Giovanni, der S\u00e4nger da unten auf der B\u00fchne? Die \u00c4hnlichkeit mit ihm selbst, findet Casanova, ist frappierend. Jede Sehne seines K\u00f6rpers spannt sich&#8230; er lauscht.<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstag, 22. November 2014 Casanova tanzt (2) Liebster, Erster Balkon, Loge 18, dort hat Giacomo Casanova sich mit der sch\u00f6nen Dame im blauen Kleid verabredet. 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