{"id":523,"date":"2014-11-22T12:30:43","date_gmt":"2014-11-22T12:30:43","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=523"},"modified":"2014-11-22T12:30:43","modified_gmt":"2014-11-22T12:30:43","slug":"briefe-aus-prag-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=523","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 19"},"content":{"rendered":"<p>Freitag, 21. November 2014<\/p>\n<h1>\n\u201ePrag hat keine Realit\u00e4t.\u201c (Franz Werfel)<\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>auf der Stirnseite der Altneusynagoge, zur Pariser Stra\u00dfe hin, kann man sehen, dass dieses Geb\u00e4ude wirklich einen Dachboden besitzt. Weit oben unter dem Dachfirst gibt es eine T\u00fcr, zu der au\u00dfen an der Fassade eiserne Stufen hinauff\u00fchren, die jedoch vom Boden aus nicht erreichbar sind. Es ist also in gewisser Weise eine unerreichbare T\u00fcr, die tats\u00e4chlich aussieht, als verberge sich hinter ihr ein Geheimnis.<\/p>\n<p>Hinter dieser T\u00fcr auf dem Dachboden der Altneusynagoge soll der Legende nach Rabbi L\u00f6w die Reste des Golems unter alten Kleidern und B\u00fcchern, die dort aufbewahrt wurden, versteckt und seiner Gemeinde das k\u00fcnftige Betreten des Dachbodens verboten haben.<\/p>\n<p>Wenn man vor dem altehrw\u00fcrdigen Geb\u00e4ude dieser \u00e4ltesten erhaltenen Synagoge Europas steht und zu der T\u00fcr hinaufblickt, kann man das tats\u00e4chlich glauben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_524\" aria-describedby=\"caption-attachment-524\" style=\"width: 3864px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Golemtuer2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-524 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Golemtuer2.jpg\" alt=\"Golemtuer2\" width=\"3864\" height=\"5152\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Golemtuer2.jpg 3864w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Golemtuer2-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Golemtuer2-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 3864px) 100vw, 3864px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-524\" class=\"wp-caption-text\">(c) Foto: Jutta Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gustav Meyrinks ber\u00fchmten Roman \u201eDer Golem\u201c, der mehrfach verfilmt wurde, kenne ich noch nicht, die Lekt\u00fcre werde ich nachholen m\u00fcssen. An den Andenkenst\u00e4nden in der Josevstadt, dem alten j\u00fcdischen Stadtteil, werden kleine Golems aus Ton angeboten. \u201eThis is Golem, for good luck.\u201c Ich habe einen der kleinen unf\u00f6rmigen Lehmm\u00e4nnchen gekauft, allerdings bei einem K\u00fcnstler einige Stra\u00dfen weiter, weil ich dort die Figur weit sch\u00f6ner ausgearbeitet fand. Aus rotgebranntem Ton steht er jetzt auf meinem Schreibtisch, den halslosen Kopf auf seinem massiven K\u00f6rper, die schweren Arme auf einen breiten G\u00fcrtel gest\u00fctzt. Ich mag ihn und er wird mich k\u00fcnftig auch zu Hause auf meinem Schreibtisch an Prag erinnern.<\/p>\n<p>Dass Prag keine Realit\u00e4t hat, wie Franz Werfel meinte, kann ich nicht unterschreiben. Es hat, wie jede Stadt, viele Realit\u00e4ten, nur sicherlich noch einige Realit\u00e4tsschichten mehr als andere St\u00e4dte. Diese Realit\u00e4ten durchdringen st\u00e4ndig und bestehen nebeneinander fort.<\/p>\n<p>Der alte j\u00fcdische Friedhof, wo in mehr als neun Schichten die Toten \u00fcbereinander ruhen, da das Territorium, obwohl schon von gr\u00f6\u00dferem Ausma\u00df, nicht mehr erweiterbar war, erscheint wie ein mythisches Herzst\u00fcck der Stadt. Nachdem ich noch ein zweites Mal dar\u00fcber spaziert bin, muss nun doch auch Umberto Ecos Roman \u201eFriedhof in Prag\u201c auf meine Leseliste.<\/p>\n<p>Bei meiner \u00f6ffentlichen Lesung gestern Abend stellte mir der Leiter des Prager Literaturhauses David Stecher eine Frage, die er allen Stipendiaten stellt. Was ist oder war bisher das \u00dcberraschendste f\u00fcr mich in Prag, im positiven oder auch im negativen Sinne. Etwas Negatives konnte ich nicht nennen. Die gro\u00dfe \u00dcberraschung, das Erstaunlichste ist f\u00fcr mich die Unversehrtheit dieser Stadt, ihre Unzerst\u00f6rtheit, das Nebeneinander an Baustilen und Bauwerken aus mehr als sieben Jahrhunderten. Dass die Stadt alle diese Jahrhunderte immer noch atmet und ausstrahlt, ist f\u00fcr mich ein gro\u00dfes Wunder und dieser Zustand erschafft die vielen Realit\u00e4ten, die zuweilen eine Art von Unwirklichkeit bekommen. Man ist sich hier st\u00e4ndig der Zeitl\u00e4ufte bewusst. Dies, zusammen mit der wechselvollen und leidvollen politischen Geschichte dieser Stadt, gibt einem das Gef\u00fchl, am Grunde der Zeit und der Geschichte(n) zu forschen. Kafka sagte einmal einem Freund, mit dem gemeinsam er Spazierg\u00e4nge durch seine Stadt unternahm, man f\u00fchle sich zuweilen wie in einer Taucherglocke, aus der heraus man die zerkl\u00fcftete Unterwasserlandschaft der Stadt betrachten k\u00f6nne. Ja, da hat er mal wieder ein mehr als stimmiges Bild gefunden.<\/p>\n<p>In der wundersch\u00f6nen Halle des alten Sezessionsgeb\u00e4udes am Hauptbahnhof, die heute neben dem hektischen Treiben in den mehrgeschossigen labyrinthischen Ladenstra\u00dfen um sie herum, den Rolltreppen, Metroeing\u00e4ngen, Hinweistafeln und den vielen an- und abreisenden Menschen, einen abseitigen Dornr\u00f6schenschlaf fristet, steht noch immer zur Begr\u00fc\u00dfung und Verabschiedung der Reisenden: \u201ePrag, Mutter aller St\u00e4dte\u201c zu lesen.<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freitag, 21. November 2014 \u201ePrag hat keine Realit\u00e4t.\u201c (Franz Werfel) Liebster, auf der Stirnseite der Altneusynagoge, zur Pariser Stra\u00dfe hin, kann man sehen, dass dieses Geb\u00e4ude wirklich einen Dachboden besitzt. 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