{"id":516,"date":"2014-11-20T12:24:05","date_gmt":"2014-11-20T12:24:05","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=516"},"modified":"2014-11-20T12:24:05","modified_gmt":"2014-11-20T12:24:05","slug":"briefe-aus-prag-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=516","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 17"},"content":{"rendered":"<p>Mittwoch, 19. November 2014<\/p>\n<h1>\u201eKein Traumcaf\u00e9, sondern ein Literaturhaus\u201c (Lenka Reinerov\u00e1)<\/h1>\n<p>Liebe Lenka Reinerov\u00e0,<\/p>\n<p>ich gestehe, bevor ich nach Prag kam, kannte ich Sie nicht, weder Ihren Namen, noch Ihre Texte. Daher wusste ich auch nicht, dass Sie die letzte noch in deutscher Sprache schreibende Autorin in Prag waren. 1916 in Prag geboren, hatten Sie, ebenso wie Ihre Stadt, schwere Zeiten zu durchleben, in diesem Zwanzigsten Jahrhundert voller Umbr\u00fcche und wechselnder Ideologien in Europa, mit zwei Weltkriegen. Sie waren Augenzeugin dieses wechselvollen Jahrhunderts und Ihr Leben ist ein Ausdruck davon. 1936 arbeiteten Sie als Journalistin f\u00fcr die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung in Prag. 1938 flohen sie nach Frankreich, wo Sie, wie viele Emigranten, interniert wurden. \u00dcber Marokko konnten Sie nach Mexiko fliehen. Nach Kriegsende kehrten Sie nach Europa zur\u00fcck und lebten ab 1948 wieder in Prag. Doch die Weltpolitik lie\u00df Sie nicht zur Ruhe kommen. Anfang der f\u00fcnfziger Jahre kamen sie wiederum f\u00fcr mehr als ein Jahr ins Gef\u00e4ngnis, da Sie ein Opfer der stalinistischen \u201eS\u00e4uberungen\u201c wurden. Man schob Sie in die Provinz ab und Sie wurden erst 1964 rehabilitiert. Nach dem Ende des Prager Fr\u00fchlings erhielten Sie Schreibverbot und verloren Ihre Arbeit in einem Verlag. Auch f\u00fcr Sie kam die Samtene Revolution gerade noch rechtzeitig, um Ihnen das Ende Ihres Lebens in Freiheit zu erm\u00f6glichen. Seither sind Sie hoch geachtet und bekamen zahlreiche Auszeichnungen. Pr\u00e4sident Havel verlieh Ihnen im Jahr 2001 die Verdienstmedaille I. Stufe und 2006 erhielten Sie das Gro\u00dfe Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich und jeden, der das liest und Sie nicht kannte, bleiben das zun\u00e4chst nur die Fakten eines schicksalhaften Lebens. Man sagt, Sie seien ein bewunderungsw\u00fcrdiger, mitf\u00fchlender Mensch gewesen. In Ihren B\u00fcchern pflegten Sie den klaren Stil der literarischen Reportagen. Sie geben in Ihren Texten ein authentisches Bild vom Zustand Ihrer Stadt und der Menschen wieder. Und Sie halten damit die Erinnerung an Ihre vielen, bereits gestorbenen oder im Exil gebliebenen Weggef\u00e4hrten aufrecht. In den zwanziger und drei\u00dfiger Jahren waren Sie in Prag mit Ernst Bloch, Egon Erwin Kisch und vielen anderen befreundet. Ihnen haben Sie in vielen Texten ein unsterbliches Denkmal gesetzt. \u201eMir fehlt der Ehrgeiz, etwas zu erfinden\u201c, ist von Ihnen \u00fcberliefert. Und doch, Sie haben beispielsweise etwas ganz Wunderbares erfunden: Ein Traumcaf\u00e9 \u00fcber den Wolken, in dem Sie alle gro\u00dfen Geister der Kunst und Literatur aus Prag versammelt haben, von denen Sie sich gelegentlich zu Ihren Lebzeiten Rat und Unterst\u00fctzung holen konnten. Da viele der gro\u00dfen Kaffeeh\u00e4user Prags, die Sie noch kannten, zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts verschwunden waren, hielten Sie das f\u00fcr sich selbst f\u00fcr notwendig. Und nun sitzen Sie selbst mit in diesem herrlichen Himmelscaf\u00e9 an einem der vielen Tischchen und diskutieren unerm\u00fcdlich weiter mit Max Brod, Jaroslav Hasek und all den anderen. Ich denke, dass Sie dort gl\u00fccklich sind. Sich zu Lebzeiten einen Ort erfinden, an dem man im Tod ein Zuhause hat, ist ein wundervoller Gedanke.<\/p>\n<figure id=\"attachment_517\" aria-describedby=\"caption-attachment-517\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Literaturhaus2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-517 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Literaturhaus2.jpg\" alt=\"Literaturhaus2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Literaturhaus2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Literaturhaus2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Literaturhaus2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Literaturhaus2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-517\" class=\"wp-caption-text\">(c) Foto: Jutta Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Doch Sie haben noch mehr getan: In den letzten Jahren Ihres Lebens haben Sie die Idee f\u00fcr das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren gehabt und Sie haben alles daran gesetzt, diesen Plan zu verwirklichen. Gemeinsam mit Frantisek Cerny und Kurt Krolop gr\u00fcndeten Sie im Jahr 2004 das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, unterst\u00fctzt von der tschechischen und deutschen Politik und einer Vielzahl von Sponsoren. \u201eKein Traumcaf\u00e9, sondern ein Literaturhaus als realer Standort f\u00fcr Interessenten und G\u00f6nner des einst so ber\u00fchmten Prager Kreises deutschsprachiger Autoren, sowie als Treffpunkt f\u00fcr Freunde der zeitgen\u00f6ssischen Literatur\u201c, so w\u00fcnschten Sie sich diesen Ort.<\/p>\n<p>Heute feierten wir in den R\u00e4umen der Deutschen Botschaft im Lobkovicz-Palais das zehnj\u00e4hrige Bestehen des Literaturhauses. Sie sahen von oben, aus Ihrem Caf\u00e9 \u00fcber den Wolken, sicherlich hocherfreut dar\u00fcber zu. Ohne Sie g\u00e4be es dieses Projekt nicht, das mittlerweile nicht nur eine gro\u00dfe Pr\u00e4senzbibliothek zur deutschsprachigen Literatur in Prag vorweist, sondern wirklich v\u00f6lkerverbindend ist und in dem die Literatur ihren au\u00dferordentlichen Stellenwert hat, sowohl der lebenden als auch in der Erinnerung an die vielen toten Autoren. Sie verlie\u00dfen Prag im Alter von 92 Jahren im Jahr 2008 und leben seither in Ihrem Traumcaf\u00e9.<\/p>\n<p>Das Literaturhaus in Prag lebt! Ich danke Ihnen sehr daf\u00fcr, denn deshalb darf auch ich gerade in Prag sein. Und es ist mehr als ein Literaturhaus. Da es den Stipendiaten erm\u00f6glicht, einen oder mehrere Monate in Prag leben und schreiben zu d\u00fcrfen, die Stadt zu sehen, Gedanken und Eindr\u00fccke zu sammeln, ist es eben doch auch ein Traumcaf\u00e9. Denn das Stipendium erlaubt den Autoren, das irdische Prag als ein Traumcaf\u00e9 zu erleben. Vielen Dank daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen an alle Ihre Freunde im Caf\u00e9, besonders Egon Erwin Kisch, Max Brod, Franz Kafka, Franz Werfel, Jasoslav Hasek, Rainer Maria Rilke etc. etc. Und Vaclav Havel schaut sicher auch gelegentlich vorbei.<\/p>\n<p>Ihre<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwoch, 19. November 2014 \u201eKein Traumcaf\u00e9, sondern ein Literaturhaus\u201c (Lenka Reinerov\u00e1) Liebe Lenka Reinerov\u00e0, ich gestehe, bevor ich nach Prag kam, kannte ich Sie nicht, weder Ihren Namen, noch Ihre Texte. 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