{"id":513,"date":"2014-11-18T21:33:39","date_gmt":"2014-11-18T21:33:39","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=513"},"modified":"2014-11-18T21:33:39","modified_gmt":"2014-11-18T21:33:39","slug":"briefe-aus-prag-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=513","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 16"},"content":{"rendered":"<p>Dienstag, 18. November 2014<\/p>\n<h1>Blau ist die Vergangenheit, Gelb die Gegenwart, Orange die strahlende Zukunft<br \/>\n<em>A. Mucha<\/em><\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>heute war ein Regentag, der erste seit meiner Ankunft vor nun schon bald zweieinhalb Wochen, daf\u00fcr aber ein besonders heftiger Regentag, ganztags ohne Pause. In den Stra\u00dfen standen \u00fcberall Pf\u00fctzen, manche so gro\u00df wie der ganze Gehsteig. Die Feuchtigkeit kroch der Flaneurin unter die Jacke und lie\u00df die Sehnsucht nach beheizten Innenr\u00e4umen aufkommen. Vielleicht in die Jerusalem Synagoge, die j\u00fcngste der Prager Synagogen, das w\u00e4re ein Anfang. Doch als ich davor stand, musste ich feststellen, dass sie geschlossen ist. Bis M\u00e4rz 2015.<\/p>\n<p>Am Wenzelsplatz vor Wenzels Reiterdenkmal stehen Hunderte von Kerzen und Teelichtern, die gestern, am Gedenktag aufgestellt worden sind. Einige der Kerzen brennen noch oder wieder, trotz des Regens. Ein Dank an den Nationalheiligen Wenzel, an Vaclav Havel, der zu meiner Beruhigung von immer von der Fassade des Nationalmuseums herunter gr\u00fc\u00dft, und im Gedenken an Jan Palach, den tschechoslowakischen Studenten, der sich am 16. Januar 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings auf der Treppe des Nationalmuseums selbst anz\u00fcndete und brennend auf den Wenzelsplatz rannte. Er wollte damit knapp f\u00fcnf Monate nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein Zeichen gegen die daraufhin einsetzende Lethargie und Hoffnungslosigkeit der tschechoslowakischen \u00d6ffentlichkeit setzen und gegen die R\u00fccknahme der Reformen der Regierung Alexander Dubceks protestieren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_514\" aria-describedby=\"caption-attachment-514\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kerzen2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-514 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kerzen2.jpg\" alt=\"Kerzen2\" width=\"5152\" height=\"3600\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kerzen2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kerzen2-300x209.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kerzen2-1024x715.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kerzen2-429x300.jpg 429w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-514\" class=\"wp-caption-text\">(c) Foto: Jutta Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Sp\u00e4ter, im Caf\u00e9 Louvre, wo ich unter vielen tschechischen Zeitungen die deutsche FAZ finde, lese ich von den gestrigen Protesten vor dem Regierungssitz auf dem Hradschin gegen den amtierenden Pr\u00e4sidenten Milos Zeman, dem die Bev\u00f6lkerung vorwirft, die Ziele der Samtenen Revolution zu verraten und sich nicht genug von der aktuellen russischen Politik abzugrenzen. Das hatte ich gestern miterlebt, die Menschenmenge, die auf dem Hradschinplatz stand und ihrem Pr\u00e4sidenten die rote Karte zeigte, indem sie rote Pappen schwenkte. Er soll auch mit Gegenst\u00e4nden beworfen worden sein, las ich. Da war ich dann schon weg. Bundespr\u00e4sent Gauck, der zu den Staatsfeierlichkeiten da war, soll eines der Eier abbekommen haben, die f\u00fcr Zeman bestimmt waren. Ich muss an einen Satz von G\u00fcnter Eich denken, den er in den 1950er Jahren schrieb: <em>\u201eBleibt wach! Schlaft nicht, w\u00e4hrend die Ordner der Welt gesch\u00e4ftig sind.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Das Regenwetter trieb mich ins Museum Mucha. Ich hatte sowieso vorgehabt, es dieser Tage zu besichtigen. Wer Prag besucht, wird an jeder Stra\u00dfenecke mit der Kunst von Alfons Mucha konfrontiert. Seine dekorativen Entw\u00fcrfe von allegorischen Frauenfiguren sind zum Inbegriff des Jugendstils geworden. Romantisch bis zum Kitsch, m\u00f6chte man meinen, Frauen, die die K\u00fcnste darstellen, Blumen, Jahres- und Tageszeiten. Doch darin ersch\u00f6pft sich sein Werk nicht. Er hat eine ganz eigene Bildsprache geschaffen, war ein begnadeter Zeichner, wie ich feststellen konnte, und seine weltber\u00fchmten Plakate f\u00fcr die Schauspielerin Sarah Bernhardt zum Ende des 19. Jahrhunderts in Paris faszinierten mich. Vor allem Sarah Bernhardt als Medea, den blutigen Dolch auf die toten Kinder zu ihren F\u00fc\u00dfen gerichtet, mit angstgeweitetem Blick. Oder als Hamlet \u2013 die Schauspielerin spielte die Titelrolle &#8211; unter ihm die Wasserleiche Ophelias, hinter ihm der Geist seines Vaters. Hier ist Muchas Werk auf einmal gar nicht mehr verschn\u00f6rkelt, sondern sehr genau gesehen und dramatisch. Seine Plakate verhalfen Sarah Bernhardt mit zu dem Weltruhm, den sie genoss.<\/p>\n<p>Muchas vielseitige Werke werden in der kleinen, sch\u00f6nen und informativen Ausstellung durch einen sehr guten Film \u00fcber seine Arbeit und sein Leben erg\u00e4nzt. Was f\u00fcr ein anderer Eindruck als im Kafka-Museum!<\/p>\n<p>Sehr \u00fcberrascht und bereichert trat ich wieder hinaus in den Regen. Eigentlich stammte mein Interesse f\u00fcr Mucha gar nicht von den vertr\u00e4umt-romantischen Frauenallegorien in den Schaufenstern der Andenkenl\u00e4den. Die sch\u00f6nen, wie hin gegossenen Frauen auf Tassen, Postkarten, Schalen, Postern, Gl\u00e4sern und allem M\u00f6glichen hatten mich eher abgeschreckt, mich mit diesem K\u00fcnstler zu besch\u00e4ftigen. Zu ihm hingef\u00fchrt hat mich eine simple schwarz-wei\u00df Postkarte, die ich vor einigen Tagen zuf\u00e4llig fand. Sie zeigt die Fotografie von einem von Muchas Modellen, eine Studie f\u00fcr ein Gem\u00e4lde von 1913. Die Frau sitzt nackt mit dem R\u00fccken zum Betrachter und dreht ihm ihr Gesicht \u00fcber die rechte Schulter zu, die rechte Hand st\u00fctzt ihr Kinn. Ihr dunkles Haar hat sie hochgesteckt und unter ihrer unordentlichen Ponyfrisur blickt sie mit einem unglaublich m\u00fcden, fragenden, z\u00f6gernden Blick in die Kamera, vielleicht sogar mit einer Spur Geringsch\u00e4tzung oder gelangweilt. Unter ihren Augen sind schwarze Ringe zu sehen. Dieser Blick verleitete mich dazu, die Postkarte zu kaufen und er erz\u00e4hlt mir eine Geschichte, von der ich noch nichts wei\u00df. Ich wollte zu Muchas Museum, um zu sehen, wie er aus einer solchen m\u00fcden anonymen Alltagsfrau, die keinem Sch\u00f6nheitsideal entspricht, seine idealisierten Jugendstil-Nymphen geschaffen hat. Der Widerspruch interessierte mich.<\/p>\n<p>Nun bin ich unverhofft auf einen gro\u00dfen K\u00fcnstler gesto\u00dfen. Doch die Geschichte seines unbekannten Modells werde ich auf jeden Fall noch erz\u00e4hlen, sobald sie zu mir spricht.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck im Dauerregen machte ich noch bei der Akademia-Buchhandlung am Wenzelsplatz Halt, denn dort hatte ich ein recht preiswertes deutsches Buch \u00fcber Mucha gesehen. Heute jedoch wurde mir das Buch leider nicht in das sch\u00f6ne Papier eingewickelt. Es wurde mir einfach so auf dem Ladentisch entgegen geschoben, nachdem ich bezahlt hatte. Ich wartete noch, nichts passierte mehr. Erst auf meine Bitte nach einer T\u00fcte, wegen des Regens, bekam ich eine schn\u00f6de Plastikt\u00fcte gereicht, mit dem Hinweis, sie koste zwei Kronen. Mit stoischem Gesicht nahm die Dame an der Kasse die zwei Kronen von mir entgegen. Tja. Es gibt solche Momente und solche. Die Freundlichkeit, die ich am ersten Tag genau in dieser Buchhandlung erlebt hatte, h\u00e4ngt, wie immer und \u00fcberall, von den jeweiligen Menschen ab.<\/p>\n<p>Aber viele der Kerzen rund um das Wenzelsdenkmal brannten immer noch, trotz des Regens, als ich wieder daran vorbeikam.<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dienstag, 18. November 2014 Blau ist die Vergangenheit, Gelb die Gegenwart, Orange die strahlende Zukunft A. Mucha Liebster, heute war ein Regentag, der erste seit meiner Ankunft vor nun schon bald zweieinhalb Wochen, daf\u00fcr aber ein besonders heftiger Regentag, ganztags ohne Pause. In den Stra\u00dfen standen \u00fcberall Pf\u00fctzen, manche so gro\u00df wie der ganze Gehsteig&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,3,7,9,5],"tags":[],"class_list":["post-513","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kunst","category-literatur","category-malerei","category-politik","category-theater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/513","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=513"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/513\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":515,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/513\/revisions\/515"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=513"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=513"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=513"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}