{"id":510,"date":"2014-11-17T21:19:16","date_gmt":"2014-11-17T21:19:16","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=510"},"modified":"2014-11-17T21:19:16","modified_gmt":"2014-11-17T21:19:16","slug":"briefe-aus-prag-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=510","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 15"},"content":{"rendered":"<p>Montag, 17. November 2014<\/p>\n<h1>Tag des Kampfes f\u00fcr Freiheit und Demokratie (1989)<\/h1>\n<p>Lieber Vaclav Havel,<\/p>\n<p>ich fasse mich kurz, denn falls Sie im Himmel ein Postfach haben, wird es heute ohnehin \u00fcbervoll sein. Denn heute ist es genau 25 Jahre her, dass Sie gemeinsam mit dem tschechischen Volk den Kampf f\u00fcr Freiheit und Demokratie gewonnen haben. Ich begl\u00fcckw\u00fcnsche Sie noch immer dazu. Und wie ich bereits in anderen Briefen aus Prag geschrieben habe, kann man \u00fcberall in dieser Stadt sehen, wie viel Sie erreicht und was Sie daraus gemacht haben.<\/p>\n<p>Sie haben als Pr\u00e4sident dieses Landes glaubw\u00fcrdig umgesetzt, was Sie nicht nur selbst eingefordert haben, sondern was die Welt n\u00f6tig hatte und auch heute ebenso bitter n\u00f6tig h\u00e4tte: <em>\u201eLehren wir uns und andere, dass Politik nicht nur die Kunst des M\u00f6glichen sein muss, besonders wenn man darunter die Kunst der Spekulation, des Kalk\u00fcls, der Intrigen, geheimer Vertr\u00e4ge und pragmatischen Man\u00f6vrierens versteht, sondern dass sie auch die Kunst des Unm\u00f6glichen sein kann, n\u00e4mlich die Kunst, sich selbst und die Welt besser zu machen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Eine Lichtgestalt, wie Sie es f\u00fcr Ihr Land waren, fehlt heute allenthalben und falls Sie vom Himmel aus die Tagespresse verfolgen und die Weltpolitik, werden Sie mir mehr als nur Recht geben. Allerdings hoffe ich f\u00fcr Sie, dass Sie sich nicht mehr mit Politik besch\u00e4ftigen, sondern irgendeine stille Wolke gefunden haben, auf der Sie nun sitzen und wieder schreiben k\u00f6nnen, vielleicht in der Nachbarschaft Franz Kafkas, der eine solche stille Wolke auch bereits zu Lebzeiten gesucht und im Himmel, oder dem, was wir daf\u00fcr halten, hoffentlich gefunden hat.<\/p>\n<p>Was mich mit Ihnen verbindet und auch die vertrauliche Briefanrede \u201eLieber\u201c w\u00e4hlen l\u00e4sst, ist, dass Sie Autor waren, Theatermann und als solcher ein Kollege von mir. Es gab einmal eine Umfrage einer gro\u00dfen deutschen Zeitschrift, in der man gefragt wurde, wen man denn w\u00e4hlen w\u00fcrde, wenn man die M\u00f6glichkeit h\u00e4tte, eine Person aus der Weltgeschichte zu treffen. Seit ich nach Prag gekommen bin, w\u00fcrde ich Sie w\u00e4hlen und mir w\u00fcnschen, im wieder er\u00f6ffneten Caf\u00e9 Montmartre, um die Ecke beim \u201eTheater am Gel\u00e4nder\u201c, mit Ihnen einen Kaffee trinken zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_511\" aria-describedby=\"caption-attachment-511\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Havel3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-511 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Havel3.jpg\" alt=\"Havel3\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Havel3.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Havel3-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Havel3-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Havel3-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-511\" class=\"wp-caption-text\">(c) Foto: Jutta Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Heute stand ich vor dem Geb\u00e4ude der Deutschen Botschaft, dem Palais Lobkowicz auf der Kleinseite, und dachte an die Ereignisse im Sommer und Herbst 1989, als Tausende von DDR-B\u00fcrgern, die in den Westen ausreisen wollten, auf dem Gel\u00e4nde der Botschaft Zuflucht gesucht hatten. Das Haus und der gro\u00dfe dazugeh\u00f6rige Garten waren bald \u00fcberf\u00fcllt und am 30. September 1989 erschien der damalige deutsche Au\u00dfenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Botschaft in der ersten Etage und verk\u00fcndete den Satz, der im Jubel der Menge unterging: <em>\u201eWir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise&#8230;\u201c<\/em>. Auch ich habe diesen denkw\u00fcrdigen Moment im Fernsehen gesehen, er hat niemanden damals unber\u00fchrt gelassen und eine unaufhaltsame Lawine losgetreten, an deren Ende f\u00fcr Deutschland der Fall der Berliner Mauer stand und damit das Ende des DDR-Regimes. Im gleichen Herbst stellten Sie sich an die Spitze der Bewegung, die das kommunistische Regime in Ihrem Land ebenfalls hinwegfegte. Ein langer Kampf, auch Ihr eigener, war damit zu Ende. Und wenig sp\u00e4ter fanden Sie sich, wohl auch zu Ihrem eigenen Erstaunen, als Staatspr\u00e4sident auf dem Hradschin, dem Prager Regierungssitz, wieder. Ein Dramatiker als Hausherr auf der Prager Burg. Sehr bewegend finde ich nach wie vor die Schilderung Ihres Amtsantritts. <em>\u201e\u00dcberall lungerten Geheimpolizisten herum. Ich sah Mauern und Gitter, Sperren, Kameras, Dr\u00e4hte, Mikrofone. Das alles haben wir rausgeworfen. Die Innenh\u00f6fe und G\u00e4rten durch Spazierwege miteinander verbunden&#8230; Die Kommunisten hatten ja immer nur die Fassaden sch\u00f6n angepinselt. Dahinter zerfiel alles. Die Burg sollte kein kafkaesk verwunschenes Schloss bleiben. Wir mussten Repr\u00e4sentation mit Staatlichkeit, aber auch mit prallem Menschenleben verbinden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Von dieser Weltoffenheit lebt und profitiert die Stadt heute, und wer das Damals nicht erlebt hat, dem kommt das Heute nur allzu selbstverst\u00e4ndlich vor. So selbstverst\u00e4ndlich, wie es in einem freien Land sein sollte. Dabei sind 25 Jahre nur eine kurze Zeit.<\/p>\n<p>Ihr beispielloser Aufstieg vom Taxifahrer, der keine weiterf\u00fchrende Schule in seinem Land besuchen und auch nicht studieren durfte, \u00fcber den B\u00fchnentechniker und renommierten Autor, Ihre Zeit als Dissident nach der Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings mit jahrelanger Gef\u00e4ngnishaft bis hin zum f\u00fchrenden Vertreter der Samtenen Revolution, den das Volk dann zum Staatspr\u00e4sidenten w\u00e4hlte, hat Sie vor gewaltige Aufgaben gestellt, um dieses Land in die tats\u00e4chliche Freiheit zu f\u00fchren, die es sich erk\u00e4mpft hatte. In Ihren gro\u00dfartigen Pr\u00e4sidentenreden aus dem Jahr 1990 sagten Sie einmal: <em>\u201eDie Menschen in den L\u00e4ndern Mittel- und Osteuropas haben sich die ersehnte Freiheit erk\u00e4mpft. Doch in dem Augenblick, in dem sie sie gewonnen haben, sind sie auf einmal v\u00f6llig \u00fcberrascht. Sie waren ihr in einem Ma\u00dfe entw\u00f6hnt, dass sie pl\u00f6tzlich nicht mehr wissen, was sie mit ihr anfangen sollen. Sie f\u00fcrchten sich.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch Sie haben sich zun\u00e4chst gef\u00fcrchtet, diese riesige Verantwortung zu \u00fcbernehmen: den Staat zu erhalten und umzubauen und dabei das freie Denken aufrechtzuerhalten, sich als Gegner von Fanatismus, Fundamentalismus und Dogmatismus zu beweisen. Wie wunderbar und mit, von au\u00dfen betrachtet scheinbar leichter Hand, ist Ihnen das gelungen.<\/p>\n<p>Sie fehlen. Nicht nur Ihrem Land. Vor allem fehlen Sie und solche wie Sie in der Welt.<\/p>\n<p>Ich gr\u00fc\u00dfe Sie an Ihrem endg\u00fcltigen Fluchtort, Ihrem Arbeitszimmer \u00fcber den Wolken, in tiefer Hochachtung,<\/p>\n<p>Ihre<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Montag, 17. November 2014 Tag des Kampfes f\u00fcr Freiheit und Demokratie (1989) Lieber Vaclav Havel, ich fasse mich kurz, denn falls Sie im Himmel ein Postfach haben, wird es heute ohnehin \u00fcbervoll sein. Denn heute ist es genau 25 Jahre her, dass Sie gemeinsam mit dem tschechischen Volk den Kampf f\u00fcr Freiheit und Demokratie gewonnen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,3,7,9,5],"tags":[],"class_list":["post-510","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kunst","category-literatur","category-malerei","category-politik","category-theater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/510","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=510"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/510\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":512,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/510\/revisions\/512"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=510"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=510"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=510"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}