{"id":507,"date":"2014-11-16T22:14:57","date_gmt":"2014-11-16T22:14:57","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=507"},"modified":"2014-11-16T22:14:57","modified_gmt":"2014-11-16T22:14:57","slug":"briefe-aus-prag-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=507","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 14"},"content":{"rendered":"<p>Sonntag, 16. November 2014<\/p>\n<h1>\u201eDas einzige, was ich wirklich schreiben kann, sind Liebesbriefe, und letzten Endes sind alle meine Artikel nichts anderes.\u201c <em>Milena Jesensk\u00e1<\/em><\/h1>\n<p>Liebe Milena,<\/p>\n<p>verzeihen Sie, dass ich Sie einfach bei Ihrem Vornamen nenne, liebe Milena Jesensk\u00e1, aber das ist zur\u00fcckzuf\u00fchren auf den Umstand, dass Sie mit Ihrem Vornamen eine weltbekannte Pers\u00f6nlichkeit geworden sind. Davon wissen Sie vielleicht nichts \u2013 oder aber ich bin so naiv, mir einzubilden, dass die Toten nicht wissen, wie es nach ihrem Ableben weitergegangen ist, mit der Erinnerung an sie und mit der Welt.<\/p>\n<p>Seit Ihr ehemaliger guter Freund aus der Caf\u00e9 Arco-Zeit in Prag, Willy Haas, dem Sie die Briefe, die Franz Kafka Ihnen geschrieben hat, zur Aufbewahrung aush\u00e4ndigten, erinnern Sie sich? \u2013 seit also Willy Haas diese Briefe im Jahre 1952 herausgab, kennt die Welt Ihren Namen \u2013 zumindest die literarisch interessierte Welt.<\/p>\n<p>Willy Haas hatte sich erst auf umst\u00e4ndlichen Wegen wieder in den Besitz der Briefe bringen m\u00fcssen, die bei seiner Schwester in Prag geblieben waren, als er die Stadt verlie\u00df. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945, das Sie leider nicht mehr erleben durften, begann Willy Haas, ebenso wie Ihr erster Ehemann Ernst Polak, von England aus, Anstrengungen zu unternehmen, an die Briefe Kafkas heranzukommen. Denn, was Sie vielleicht nicht sehr \u00fcberraschen wird, der Name Franz Kafka war als Autor inzwischen sehr bekannt. Man bewunderte seine Texte und er wurde weltweit gelesen. Da geh\u00f6rten seine Briefe an Sie, Milena, schon zum Kulturgut, das allgemeine Bedeutung hatte und womit man selbstverst\u00e4ndlich auch Geld verdienen konnte. Kafkas \u201eBriefe an Milena\u201c, wie Ihr Freund Haas die Ausgabe nannte, waren bei ihrem Erscheinen eine literarische Sensation und sind seither in sehr vielen Sprachen auf dem Buchmarkt erh\u00e4ltlich. Und wie Sie ja sehen, schreiben wir inzwischen das Jahr 2014.<\/p>\n<p>Sie als Person, als Frau, als Journalistin, als selbstst\u00e4ndig Denkende und Handelnde, als Liebende, gingen durch diese Briefe als Figur in die Weltliteratur ein, als habe Kafka sie nicht besser erfinden k\u00f6nnen. So habe auch ich vor vielen Jahren zum ersten Mal von Ihnen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Augenblicklich halte ich mich in Prag auf, Ihrer Heimatstadt, und das, f\u00fcr Sie sicherlich unglaublich, zum ersten Mal in meinem Leben. Prag ist heute die Hauptstadt des demokratischen Tschechien mit Tschechisch als Landessprache. Das d\u00fcrfte Ihnen beides gefallen. In Prag ans\u00e4ssige deutschsprachige Autoren gibt es nicht mehr, die letzte war Lenka Reinerova und sie starb im Jahr 2008 im Alter von 92 Jahren.<\/p>\n<p>Franz Kafka ist zum Inbegriff des deutschen j\u00fcdischen Prager Autors geworden, doch man kennt, zumindest in kulturinteressierten Kreisen auch noch alle anderen, Max Brod, Egon Erwin Kisch, Gustav Meyrink und wie sie alle hei\u00dfen.<\/p>\n<p>Dass Sie zu Zeiten eine bekannte und beliebte Journalistin in Prag waren, w\u00fcsste niemand mehr, g\u00e4be es Kafkas Briefe an Sie nicht. Doch so hat man nach und nach begonnen, sich auch mit Ihrem Leben und Ihren Texten zu besch\u00e4ftigen und heute gibt es wissenschaftliche Arbeiten und einige Biografien \u00fcber Sie, unter anderem von Ihrer Tochter Jana, Ihrer Freundin Margarete aus dem KZ Ravensbr\u00fcck und der Wissenschaftlerin Alena Wagnerova. Mit Frau Wagnerovas sehr gut recherchierter Biografie bin ich auf Ihren Spuren durch Prag gewandert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_508\" aria-describedby=\"caption-attachment-508\" style=\"width: 3864px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Milena2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-508 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Milena2.jpg\" alt=\"Milena2\" width=\"3864\" height=\"5152\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Milena2.jpg 3864w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Milena2-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Milena2-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 3864px) 100vw, 3864px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-508\" class=\"wp-caption-text\">(c) Foto Jutta Schubert, unter Verwendung des Titelbildes der Biografie von Alena Wagnerov\u00e1, Fischer Taschenbuch Verlag, Ffm<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Haus, in dem Sie aufgewachsen sind und in dem Ihr Vater seine Zahnarztpraxis hatte, gibt es noch und es sieht repr\u00e4sentativ aus wie damals, auch wenn sich heute eine Reihe von Gesch\u00e4ften darin befinden und ich gar nicht wei\u00df, ob in dem Haus an dieser sehr belebten Stelle, am unteren Ende des Wenzelsplatzes, \u00fcberhaupt noch jemand wohnt. Er k\u00f6nnte dort unruhige N\u00e4chte haben, denn bis sp\u00e4t flanieren Pragbesucher dort vorbei, aber auch Prager, die vom Kino oder vom Abendessen oder von der Arbeit kommen. Sie w\u00fcrden sich wundern, was da los ist. Aber ich denke, es w\u00fcrde Ihnen gefallen, dieses prall daherkommende, glanzvoll wirkende und unbeschwert scheinende Leben. So h\u00e4tten Sie es sich vermutlich gew\u00fcnscht, wenn Sie es sich h\u00e4tten aussuchen k\u00f6nnen. Doch Sie waren leider verurteilt, in verst\u00f6renden Jahrzehnten, einer von gro\u00dfem ideologischem und wirtschaftlichem Durcheinander gepr\u00e4gten Epoche und sp\u00e4ter lebensgef\u00e4hrlichen und katastrophalen Zeiten zu leben. Und Ihr unruhiges privates Leben stand dem wohl in Nichts nach. Soweit ich Sie durch die Literatur kennenlernen konnte, sind Sie eine gro\u00dfe Liebende gewesen. Und eine treue Freundin. Sie haben das Leben geliebt und es in dem, was es f\u00fcr Sie bereit hielt, zu erleben versucht. Zwei Stunden Leben, haben Sie Kafka wohl einmal gesagt, seien Ihnen wichtiger als zwei Seiten Text. Bei ihm war es umgekehrt. Sie waren immer neugierig, konnten sich auf Neues einlassen und sind nicht stehengeblieben. Sie konnten sehr stark f\u00fcr andere da sein. Und Sie waren eine intelligente und wache Zeitzeugin, kritisch, menschlich, mitf\u00fchlend.<\/p>\n<p>Es tut mir leid, dass Ihr Leben so ersch\u00fcttert von vielerlei Katastrophen war. Dass Sie Ihre Mutter fr\u00fch durch schwere Krankheit verloren haben. Dass Sie zeitlebens starke Probleme mit Ihrem sehr autorit\u00e4ren Vater hatten. Dass Ihre Beziehungen zu den M\u00e4nnern, die Sie geliebt haben, niemals von l\u00e4ngerer Dauer waren und unter keinem guten Stern standen. Dass Sie krank wurden, weil Ihr zweiter Ehemann Sie mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt hatte. Und nat\u00fcrlich bedauere ich auch sehr die Umst\u00e4nde Ihres Todes im Frauenkonzentrationslager Ravensbr\u00fcck 1943, weit weg von Prag, krank und aufgebraucht. Sie waren ja keine J\u00fcdin. Sie haben gegen die nationalsozialistischen Besatzer Prags an der Verbreitung von illegalen Zeitungen und Zeitschriften mitgearbeitet, haben auch f\u00fcr diese Bl\u00e4tter geschrieben. Sie waren als Fluchthelferin aktiv, haben vielen Menschen geholfen, au\u00dfer Landes und in Sicherheit zu kommen. Sie hatten Mut, standen engagiert f\u00fcr die Menschlichkeit ein. Sie empfanden zeitweise den Kommunismus als eine L\u00f6sung, erkannten dann aber, dass dies ein Irrtum war. Ihr Leben n\u00f6tigt mir Bewunderung ab und hinterl\u00e4sst auch eine gro\u00dfe Traurigkeit. Dass so vieles schief gegangen ist. Dass Sie so viele Niederlagen einstecken, Misserfolge verbuchen mussten, trotz aller Kraftanstrengungen. Dass Sie sich fremd f\u00fchlten unter den Menschen und nur von sehr wenigen verstanden. Einer, von dem Sie sich verstanden f\u00fchlten und bei dem Sie nicht fremd waren, war Franz Kafka. Sie hatten ihm geschrieben \u2013 zu der Zeit lebten Sie mit Ihrem ersten Ehemann in Wien \u2013 weil Sie Kafkas Texte ins Tschechische \u00fcbersetzen wollten. Sie geh\u00f6rten zu den ersten, die Kafkas literarische Qualit\u00e4t erkannten. Daraus entspann sich der Briefwechsel, der in einigen wenigen pers\u00f6nlichen Begegnungen gipfelte, die wohl f\u00fcr Sie beide sehr gl\u00fccklich und sch\u00f6n waren. Wurde aus dieser Beziehung eine tiefe Freundschaft? Eine Liebe? Wie sah diese Liebe aus? Zu leben war sie jedenfalls nicht, sie schreckten anscheinend beide davor zur\u00fcck. Doch Sie blieben Kafka trotzdem verbunden bis zu seinem fr\u00fchen Tod. Sie haben ihn vermutlich kurz bevor er starb noch einmal besucht. Sie standen ihm nahe und verloren in ihm einen wichtigen Menschen.<\/p>\n<p>Es g\u00e4be so vieles, was ich Sie gerne fragen w\u00fcrde. Zum Beispiel, ob Sie sich vorstellen k\u00f6nnen, dass Franz Kafka Ihre Briefe an ihn \u2013 die es ja leider nicht mehr gibt \u2013 selbst vernichtet hat? Nachdem die Beziehung zu Ihnen, die ihm eine Zeitlang Hoffnung gab, gescheitert war? Hat er dann in seinem Zimmer ein kleines Feuer in einem gro\u00dfen Topf gemacht und Ihre Briefe hineingeworfen? Oder hat er sie in sein Bureau mitgenommen und sie zusammen mit Akten, die nicht mehr gebraucht wurden, vernichtet? War das dann eine Erleichterung f\u00fcr ihn? Hatte er das Gef\u00fchl, Sie damit losgeworden zu sein? Oder k\u00f6nnen Sie sich das nicht vorstellen? Wo aber w\u00e4ren Ihre Briefe dann? H\u00e4tte er sie aufbewahrt, so wie Sie die seinen, wir k\u00f6nnten sie m\u00f6glicherweise heute als die fehlenden Gegenst\u00fccke lesen.<\/p>\n<p>Diese und viele andere Fragen werden Sie mir leider nicht beantworten k\u00f6nnen. Da das nicht m\u00f6glich ist, werde ich mir wohl selbst Antworten erfinden m\u00fcssen, die mir plausibel erscheinen, wenn ich versuche, mich in Sie und ihn hineinzuversetzen. Das ist ein langer Weg.<\/p>\n<p>Das Caf\u00e9 Arco \u00fcbrigens, in dem Sie zu Ihrer Prager Zeit gemeinsam mit den Literaten der Stadt ein- und aus gegangen sind, gibt es nicht mehr. Ich hatte versucht, Ihre Spur dort zu finden, doch vergeblich. \u00dcberhaupt ist das heutige, moderne, weltoffene, westeurop\u00e4ische Prag wohl nicht mehr vergleichbar mit der Stadt, die Sie gekannt haben. Dennoch, ich bleibe dabei, Sie w\u00fcrden es m\u00f6gen. Sie w\u00fcrden Ihren Platz hier finden. F\u00fcr Ihren Freund Franz Kafka, der damals vielleicht kurzzeitig Ihre Ehe gef\u00e4hrdete, sieht das wahrscheinlich anders aus. Aber ich, als Nachgeborene, kann selbstverst\u00e4ndlich gar nichts wissen. Ich hoffe, dass Sie, wo es ging, gl\u00fccklich waren. Wenn ich auch bef\u00fcrchten muss, dass das Leid, die Entt\u00e4uschung und die Niederlagen in Ihrem Leben \u00fcberwogen. Sie haben niemals aufgegeben. Noch im Lager Ravensbr\u00fcck waren Sie f\u00fcr alle, die Sie dort gekannt haben, ein menschlicher Lichtblick. So sind Sie durch Kafka zu Recht unvergessen. Auch wenn letztlich fast niemand wei\u00df, wer Sie wirklich waren.<\/p>\n<p>Mit herzlichem Gru\u00df,<br \/>\nIhre<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag, 16. 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