{"id":503,"date":"2014-11-15T21:40:00","date_gmt":"2014-11-15T21:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=503"},"modified":"2014-11-15T21:40:00","modified_gmt":"2014-11-15T21:40:00","slug":"briefe-aus-prag-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=503","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 13"},"content":{"rendered":"<p>Samstag, 15. November 2014<\/p>\n<h1>Kulissen<\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>in der wunderbaren Jugendstil-Passage des Lucerna-Kinos unweit des Wenzelsplatzes \u2013 seit dem Jahr 1909 das \u00e4lteste durchgehend ge\u00f6ffnete Kino Europas, hier trafen sich schon Kafka und Max Brod, um gemeinsam Filme anzuschauen \u2013 sind Schautafeln zur samtenen Revolution ausgestellt, die sich \u00fcbermorgen zum 25. Mal j\u00e4hrt. Es gibt auch einen Buchstand, voll mit B\u00fcchern \u00fcber Vaclav Havel. Die schwarz-wei\u00dfen Schautafeln zeigen grandiose Momentaufnahmen von 1989 und den nachfolgenden Jahren. Eine beeindruckende Performance des Bread and Puppet theatres, eine Veranstaltung unter den Fundamenten des gest\u00fcrzten Stalindenkmals oder das Bild eines Deutsch sprechenden Eremiten, der sich 1995 in einer der H\u00f6hlen am Petrin einquartierte, weil er sich mit dem Pr\u00e4sidenten Havel treffen wollte, um mit ihm \u00fcber das Regieren zu plaudern. Es kam nicht dazu \u2013 irgendwann verschwand er spurlos. Sicherlich gibt es hunderte, tausende von Geschichten, die im Zusammenhang mit der samtenen Revolution erz\u00e4hlt werden. Vaclav Havel, der Dissident, der zum Pr\u00e4sidenten wurde, wird bis heute zu Recht verehrt. Und Vaclav hei\u00dft ja Wenzel. Somit hat wieder ein Wenzel die Prager und mit ihnen alle Tschechen von der Dunkelheit ins Licht gef\u00fchrt. In der kommenden Woche zeigt das Lucerna exklusiv einen Dokumentarfilm \u00fcber ihn.<\/p>\n<p>Vor dem Kinoeingang zum Lucerna h\u00e4ngt die Statue des Heiligen Wenzel von der Decke herab, der rittlings auf einem kopf\u00fcber h\u00e4ngenden Pferd sitzt \u2013 der Bildhauer David Cerny hat an markanten Punkten in der Stadt seine provozierenden Kunstwerke hinterlassen \u2013 hier trifft man sich unterm umgedrehten Wenzel-Denkmal, sozusagen \u201eunterm Pferd\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_504\" aria-describedby=\"caption-attachment-504\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Pferd3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-504 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Pferd3.jpg\" alt=\"Pferd3\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Pferd3.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Pferd3-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Pferd3-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Pferd3-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-504\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein St\u00fcck weiter in der Passage gelangt man zu dem kleinen Buchcaf\u00e9 \u201eGregor Samsa\u201c \u2013 ein wunderbares Ambiente f\u00fcr eine Rast zwischendurch und praktisch touristenfrei. Das Caf\u00e9 befindet sich im Besitz der Havel-Familie.<\/p>\n<p>Durch die Seitenstra\u00dfen in der Altstadt mache ich mich auf den Weg zu Havels ehemaligem Theaterschaffensort, dem \u201eTheater am Gel\u00e4nder\u201c, nahe dem Moldauufer. Auch hier hat David Cerny gewirkt: Blickt man an der Fassade nach oben, traut man seinen Augen nicht, denn an der Regenrinne schl\u00e4gt ein \u00fcberdimensionales Herz. Oder ist es eher eine Niere, in der das Blut, markiert durch ein blinkendes rotes L\u00e4mpchen, gespenstisch pulsiert?<\/p>\n<p>Ich betrete das Foyer des Theaters, in dem reges Treiben herrscht. Leider verstehe ich vom Novemberspielplan praktisch kein Wort. Die tschechische Sprache \u2013 identit\u00e4tsstiftend f\u00fcr zehn Millionen Tschechen &#8211; ist mir als Deutschmuttersprachlerin sehr fremd. Es sind nicht nur die vielen Konsonanten, die vielen Deklinationen, die vielen Akzentzeichen, die kreuz und quer die Zeilen bev\u00f6lkern \u2013 ich kann mir gar nichts erschlie\u00dfen, keine R\u00fcckschl\u00fcsse und Querverbindungen ziehen. Lediglich die Namen einiger Theaterautoren kann ich mir zusammenreimen. Anton Tschechow. Ja, aber an dem Abend kann ich nicht. Da bin ich zur Zehnjahrfeier des Prager Literaturhauses in der Deutschen Botschaft.<\/p>\n<p>In dem Stadtviertel zwischen dem Theater am Gel\u00e4nder und der Bethlehemkapelle, wo der Religionsreformer Jan Hus lange vor Martin Luther seine Kritik an der katholischen Kirche predigte, was er mit dem Leben bezahlte, wird seit Tagen ein Film gedreht. Die Cateringteams stehen mit ihren Wagen in den engen Stra\u00dfen, ganze Stra\u00dfenz\u00fcge sind verkabelt und gerade werden riesige Scheinwerfer auf eine mit wei\u00dfen T\u00fcchern abgedeckte Hauswand ausgerichtet, die Stra\u00dfe ist in ein grellkaltes Eislicht getaucht.<\/p>\n<p>Prag ist selbstverst\u00e4ndlich DIE Kulisse f\u00fcr Spielfilme aus allen Zeiten Europas. Man findet die passende Architektur im Original vom Mittelalter bis ins zwanzigste Jahrhundert und dazu heute hoch moderne Filmstudios, die auch Hollywoodschauspieler und Regisseure anlocken. Dieses hoch moderne Equipment hatte Milos Forman noch nicht zur Verf\u00fcgung, als er hier zu Kommunismus-Zeiten seinen Oscar-pr\u00e4mierten Mozartfilm \u201eAmadeus\u201c drehte. Forman war \u00fcbrigens, wie ich las, ein Schulkamerad von Vaclav Havel.<\/p>\n<p>Seitdem die beiden die Schulbank dr\u00fcckten, hat die Stadt sich ver\u00e4ndert und rasend ist ihre Entwicklung in den vergangenen f\u00fcnfundzwanzig Jahren, seit jenem Herbst 1989, in dem das Volk das kommunistische Regime abgesch\u00fcttelt hat. Die Freiheit ist keine Kulisse.<\/p>\n<p>An dem eisernen Gel\u00e4nder, das den Kreuzherrenplatz gegen die Moldau abgrenzt, wo die Massen auf die Karlsbr\u00fccke hinaufstr\u00f6men, bringt gerade ein junges P\u00e4rchen eines der vielen Schl\u00f6sser an, mit dem sie ihre Liebe verankern wollen. Sie dr\u00fccken das Schloss zu, jeder nimmt einen der beiden Schl\u00fcssel und beide werfen sie gleichzeitig in hohem Bogen ins Wasser hinunter. Am Grunde der Moldau wandern die Schl\u00fcssel&#8230; Dann bitten sie eine Vorbeigehende, sie zu fotografieren. \u201eWith the castle please\u201c, sagen sie und meinen den Hradschin. Ein Schloss ist ein Schloss ist ein Schloss&#8230;<\/p>\n<p>Ob sie wohl eines Tages wiederkommen werden, um nach ihrem Schloss zu sehen? In einigen Jahren wird das eiserne Gel\u00e4nder \u00fcber und \u00fcber voll davon sein. Vielleicht werden sie ihr Schloss dann nicht mehr finden. M\u00f6glicherweise vergessen sie es auch einfach, so wie wir immer alles vergessen, selbst unser eigenes Leben.<\/p>\n<p>Das andere Ufer beherrscht die angestrahlte Burg, \u201ethe castle\u201c, und der imposante Dom.<\/p>\n<p>\u201eLange stand K. auf der Br\u00fccke und blickte in die scheinbare Leere empor.\u201c Ja, dieses kleine Dorf, das ich mir beim Lesen seines Romans \u201eDas Schloss\u201c immer vorgestellt hatte, mit der kleinen Dorfbr\u00fccke dazu \u2013 dieser Blick wurde nun f\u00fcr immer zurechtger\u00fcckt.<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstag, 15. 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