{"id":500,"date":"2014-11-14T22:06:21","date_gmt":"2014-11-14T22:06:21","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=500"},"modified":"2014-11-14T22:06:21","modified_gmt":"2014-11-14T22:06:21","slug":"briefe-aus-prag-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=500","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 12"},"content":{"rendered":"<p>Freitag, 14. November 2014<\/p>\n<h1>Casanova tanzt<\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>beim F\u00fcrsten von Mansfeld-Fondi in seinem wunderbaren Barock-Palais an der Karlsbr\u00fccke ist Giacomo Casanova, Chevalier de Saingalt, immer gern zu Gast. Wenn er gleich den Ballsaal im Piano nobile betritt, wird ihn wieder dieses leichte Zittern innerer Vorfreude befallen: Wer wird heute dort sein?<\/p>\n<p>Mit zehn Schritten ist er \u00fcber den Hof. So praktisch hat der F\u00fcrst es eingerichtet, dass man direkt von der Br\u00fccke kommend, mit der Kutsche in den Hof hineinfahren kann. Und gleich sind jede Menge Stallburschen zur Stelle, die sich im Fackelschein um die Pferde k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Er tr\u00e4gt die venezianische Bauta-Maske, Umhang und Capa, das klassische venezianische Domino-Kost\u00fcm. Nur der F\u00fcrst wei\u00df, wer sich darunter verbirgt, da er ihm am Mittag, nach seiner Ankunft bereits seine Aufwartung gemacht und mit ihm zusammen gespeist hatte. Ach, diese b\u00f6hmische schwere K\u00fcche ist nichts f\u00fcr seinen feinen italienischen Magen. Obwohl er den Hof so scheinbar leichtf\u00fc\u00dfig durchqueren konnte, f\u00fchlt er sich heute Abend schwerf\u00e4llig, um Jahre gealtert. Bald wird er einen Stock brauchen, um sich beim Gehen darauf zu st\u00fctzen, was der Himmel verh\u00fcten m\u00f6ge!<\/p>\n<p>Jetzt die schmucklose, steinerne, etwas plumpe Treppe hinauf, man kann langsam gehen, das sieht w\u00fcrdevoll aus in dem Kost\u00fcm, es verbreitet ein zus\u00e4tzliches Geheimnis. Gemessenen Schrittes durch die Bildergalerie, die Damen heben neugierig ihre F\u00e4cher, nicken ihm zu, verschanzen sich. Auf den ersten Blick nichts Aufregendes dabei, warum muss man die Pragerinnen unter ihrer Verkleidung alle erkennen, das verdirbt den Appetit.<\/p>\n<p>Die T\u00fcren zum Ballsaal schwingen auf, die Geigen, das Cembalo, alle tanzen. Casanova liebt diesen Saal, es ist jedes Mal eine Erleichterung, ihn wiederzusehen. In den beiden einander gegen\u00fcberliegenden Kaminen prasseln anheimelnde Feuer, die Spiegel dar\u00fcber brechen das Licht der tausend Kerzen, der schwere L\u00fcster in der Mitte gl\u00e4nzt wie aus purem Gold, ein sch\u00f6ner Gegensatz zu dem etwas m\u00fcden altrosa und violett marmoriert schimmernden Marmor, ach und das Deckenfresco mit den G\u00f6ttermotiven aus dem Olymp, festgehalten vom Stuck.<\/p>\n<figure id=\"attachment_501\" aria-describedby=\"caption-attachment-501\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Ballsaal2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-501 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Ballsaal2.jpg\" alt=\"Ballsaal2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Ballsaal2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Ballsaal2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Ballsaal2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Ballsaal2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-501\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Er gleitet unauff\u00e4llig hinter den Tanzenden vorbei an der Fensterfront entlang, blickt in den Innenhof hinunter, wo sein Kutscher mit den Pferdeknechten plaudert. Dann sieht er die Sch\u00f6ne in dem hellblauen Kleid, sie scheint durch den Raum auf ihn zu zu schweben, die Pfauenfedern an ihrer Maske wippen. F\u00fcr einen Moment k\u00f6nnte er sich beinahe einbilden, zur\u00fcck in Venedig zu sein, und dieser Gedanke, der sonst einen qu\u00e4lenden Stich in seinem Herzen hinterl\u00e4sst, weicht hier einem warmen, vertrauten Gef\u00fchl des Nachhausekommens. Wer ist diese Dame in Blau? Eine Unbekannte! Gegen\u00fcber auf der linken Seite die Spiegelt\u00fcr, sie f\u00fchrt in das kleine Separ\u00e9e, das er so gut kennt \u2013 wenn nur sein Magen heute nicht so rebellisch w\u00e4re, ach, warum der Mensch auch auf seinen unzul\u00e4nglichen K\u00f6rper angewiesen ist. Andererseits, h\u00e4tte man ihn nicht&#8230; Der F\u00fcrst macht ihm ein Zeichen. Was bedeutet das? Er soll ihm folgen, hinauf, ihn oben auf der Galerie treffen, auf dem kleinen Balkon knapp unter dem Deckengew\u00f6lbe. Warum das denn? Hat das nicht Zeit bis morgen? Immer verwickelt er ihn in die Politik, sein elendes Tagesgesch\u00e4ft. Er schnaubt widerwillig unter der Maske, greift im Vorbeigehen von einem der Silbertabletts einen Kristallkelch mit Wein und folgt seinem Gastgeber die Treppe hinauf&#8230;.<\/p>\n<p>So, oder \u00e4hnlich k\u00f6nnte es gewesen sein. Das achtzehnte Jahrhundert steht im wunderbaren Ballsaal des Colloredo-Mansfeld Palais lebendig vor mir. Zumal es keine M\u00f6bel gibt, und schon gar keine st\u00f6renden Besucher. Ich bin die Einzige, die durch diese R\u00e4umlichkeiten schlendert, hie und da St\u00fccke freigelegter Fresken sieht, blutrote Stofftapeten, halbblinde Spiegel zwischen den Fenstern und dann \u2013 den Ballsaal.<\/p>\n<p>Als ich wieder auf die Karlova hinaustrete, stehe ich noch ganz unter dem Eindruck, einem Maskenball der Geister beigewohnt zu haben. Unmittelbar vor mir brodelt das nachmitt\u00e4gliche Treiben der Touristengruppen, angef\u00fchrt von den Schirmtr\u00e4gern, hinauf auf die Karlsbr\u00fccke. Rechts und links von diesem Trampelpfad ist es wunderbar still, so still, dass man der Zeit selbst begegnen kann.<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freitag, 14. November 2014 Casanova tanzt Liebster, beim F\u00fcrsten von Mansfeld-Fondi in seinem wunderbaren Barock-Palais an der Karlsbr\u00fccke ist Giacomo Casanova, Chevalier de Saingalt, immer gern zu Gast. Wenn er gleich den Ballsaal im Piano nobile betritt, wird ihn wieder dieses leichte Zittern innerer Vorfreude befallen: Wer wird heute dort sein? 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