{"id":497,"date":"2014-11-13T22:04:52","date_gmt":"2014-11-13T22:04:52","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=497"},"modified":"2014-11-13T22:04:52","modified_gmt":"2014-11-13T22:04:52","slug":"briefe-aus-prag-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=497","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 11"},"content":{"rendered":"<p>Donnerstag, 13. November 2014<\/p>\n<h1>Der Absinthtrinker<\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>dem Absinthtrinker an der R\u00fcckwand des Caf\u00e9 Slavia erscheint eine junge, sch\u00f6ne, nackte, durchsichtige, gr\u00fcne Frau. Er meint, zu tr\u00e4umen. Er ist fassungslos.<\/p>\n<p>Sie sitzt mit ihrem sch\u00f6nen Hintern auf der Tischkante, hat eine Hand auf die Tischplatte gest\u00fctzt. Ein Kellner eilt herbei, doch der scheint sie nicht zu sehen.<\/p>\n<p>Ein Glas hat ausgereicht und der Trinker will kein zweites. Das Schlimmste, findet er, ist, wenn W\u00fcnsche sich erf\u00fcllen. Ein Fluch, vor dem der Himmel einen bewahren m\u00f6ge.<\/p>\n<p>Komm, wir gehn nach Haus, sagt die Gr\u00fcne.<\/p>\n<p>Der Trinker sch\u00fcttelt den Kopf.<\/p>\n<p>Er denkt an zu Haus, die niedrige Decke, den ewigen Geruch nach Zwiebeln und Kohl im Hausflur, und dass Emma ihn verlassen hat.<\/p>\n<p>Nein, das ist kein guter Tag.<\/p>\n<p>Komm, sagt die Gr\u00fcne, Sch\u00f6ne. Doch sie reicht ihm nicht die Hand. L\u00e4ssig liegt die Hand in ihrem Scho\u00df.<\/p>\n<figure id=\"attachment_498\" aria-describedby=\"caption-attachment-498\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Absinthtrinker2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-498 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Absinthtrinker2.jpg\" alt=\"Absinthtrinker2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Absinthtrinker2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Absinthtrinker2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Absinthtrinker2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Absinthtrinker2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-498\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ich wollte nicht hier sein, denkt er. Ich wollte die Zeitung lesen, die Moldau flie\u00dft, wohin? Und Emma hat mich verlassen. Emma mit ihrem scharfen Lachen, das spitz durch die K\u00fcche hallte. Immer sch\u00e4mte er sich daf\u00fcr, dass sie so laut, zu laut gelacht hat.<\/p>\n<p>Komm, sagt die Gr\u00fcne.<\/p>\n<p>Wohin?<\/p>\n<p>Wohin du willst.<\/p>\n<p>Aber ich will nirgendwohin.<\/p>\n<p>Du l\u00fcgst. Jeder will irgendwohin.<\/p>\n<p>Ich nicht.<\/p>\n<p>Aus den Augenwinkeln sieht er den Kellner auf sich zueilen. Emma, ach ja, sie ist tot. Ein Messer durchf\u00e4hrt ihn, so scharf wie ihr Lachen.<\/p>\n<p>Tot gewesen ist sie eines Sonntagmorgens im achtundzwanzigsten Jahr ihres gemeinsamen Lebens. Es ist nicht angenehm, neben einem Leichnam zu erwachen. Den kann man nicht mehr lieben, nur die Erinnerung.<\/p>\n<p>Die Welt, die Welt, was ist sie \u00fcber diese Tischkante, dieses Glas, diese ge\u00f6ffnete Zeitung hinaus?<\/p>\n<p>Ich muss gehen, denkt er, hat es wohl laut gesagt.<\/p>\n<p>Dann gehen wir, sagt die Gr\u00fcne.<\/p>\n<p>Nein. Nein, ruft er aus. Er will aufspringen, sie verscheuchen, aber er schafft es nicht aus dem Stuhl. Sein K\u00f6rper ist zu schwer. Er zieht ihn in die Tiefe.<\/p>\n<p>Du nicht. Nur ich. Ich allein, in meine Einsamkeit.<\/p>\n<p>Komm, sagt die Gr\u00fcne. Das Einsamsein ist nicht so schlimm. Du lebst. Darum beneide ich dich.<\/p>\n<p>Du tust \u2013 was?<\/p>\n<p>Er versucht, ihr ins Gesicht zu sehen. Ihr K\u00f6rper beginnt zu verschwimmen, schlierenartig scheint er sich aufzul\u00f6sen, sie schwebt von der Tischkante hinauf. Zur Decke?<\/p>\n<p>Er sieht sie nicht mehr, nur den Nebel. Einen weichen Dunst \u00fcber allem. Um ihn die Kaffeehausger\u00e4usche, sie branden an sein Ohr wie die See an eine ferne K\u00fcste.<\/p>\n<p>Emma! ruft er. Emma, bist du das? Emma? Bist du da? Komm zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Kellner l\u00e4uft schneller und erreicht seinen Tisch.<\/p>\n<p>Sie w\u00fcnschen? fragt er.<\/p>\n<p>Haben Sie das gesehen?<\/p>\n<p>Was meinen Sie, mein Herr?<\/p>\n<p>Das \u2013 die Gr\u00fcne. Das Gespenst. Diese \u2013 ach, nichts, ich&#8230;<\/p>\n<p>M\u00f6chten Sie noch ein Glas?<\/p>\n<p>Er denkt an seine leere Wohnung, das Treppenhaus, Zwiebeln und Kohl.<\/p>\n<p>Er nickt. Der Kellner entfernt sich.<\/p>\n<p>Ja. Ja, sagt er schnell.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>PS. Heute war selbstverst\u00e4ndlich ein anderer Pianist da.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donnerstag, 13. 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