{"id":493,"date":"2014-11-13T01:51:46","date_gmt":"2014-11-13T01:51:46","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=493"},"modified":"2014-11-13T01:51:46","modified_gmt":"2014-11-13T01:51:46","slug":"briefe-aus-prag-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=493","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 10"},"content":{"rendered":"<p>Mittwoch, 12. November 2014<\/p>\n<h1><strong>Flaneurin auf der Kleinseite<\/strong><\/h1>\n<p>Liebster,<br \/>\nwann ist man eigentlich in einer Stadt wirklich angekommen? Wenn man nicht mehr von Sehensw\u00fcrdigkeit zu Sehensw\u00fcrdigkeit st\u00fcrmt? Wenn man das Gef\u00fchl hat, sich ein wenig auszukennen, und hie und da auch schon \u201eSchleichwege\u201c gefunden hat, also nicht andauernd stehen bleiben muss, um den Stadtplan zu studieren? Oder wenn man mit Gelassenheit spazieren gehen kann, nicht mehr von der Ungeduld getrieben, etwas Interessantes unterwegs zu vers\u00e4umen? Oder erst dann, wenn man in einer Stadt schon so lange lebt, dass man nicht mehr nach rechts und links schaut? In diesem Fall verkehrt sich das Angekommensein h\u00e4ufig ins Gegenteil und man besucht m\u00f6glicherweise jahrzehntelang keine einzige der Sehensw\u00fcrdigkeiten, f\u00fcr die so viele Touristen in die Stadt kommen.<\/p>\n<p>Ich jedenfalls befinde mich in einem ersten Zwischenstadium. Die nervige Anspannung der Tagestouristen und derjenigen, die f\u00fcr wenige Tage nach Prag kommen, habe ich hinter mir gelassen. Selten bieten Reiseb\u00fcros l\u00e4ngere Aufenthalte als etwa zwei bis vier Tage in den ma\u00dfgeblichen St\u00e4dten Europas an. Als wenn es undenkbar w\u00e4re, dass man dann noch nicht wirklich alles gesehen hat! Auch f\u00fcr private Reisende scheint eine Planung von einer Woche in einer fremden Stadt schon viel.<\/p>\n<p>Nun bin ich zwar keine Touristen, doch da ich noch nie vorher in Prag war, kann man meinen Blick der ersten Tage auf diese Stadt unbedingt damit vergleichen. Jetzt bin ich, wie gesagt, schon einen kleinen Schritt weiter. Ich habe das Gl\u00fcck, bestimmte Stra\u00dfenz\u00fcge, Geb\u00e4ude und Winkel ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal anschauen zu d\u00fcrfen, mit dem Blick des Wiedererkennens und der Chance, mehr zu sehen als beim ersten Mal.<\/p>\n<p>Heute bin ich recht ziellos durch die Kleinseite spaziert, um ein wenig genauer hinzuschauen. Gibt es eigentlich die weibliche Form von Flaneur? Ein milder Tag mit leicht milchigem Licht, das den Statuen auf der Karlsbr\u00fccke eine Spur Weichheit verleiht. Es scheint, als w\u00fcrden die Touristenstr\u00f6me momentan t\u00e4glich weniger werden. Sie werden wohl erst wieder in Scharen einfallen, wenn im Dezember der Weihnachtsmarkt er\u00f6ffnet wird.<\/p>\n<p>Ich habe mittlerweile gelernt, mich beim Stra\u00dfenbahnfahren einigerma\u00dfen zu orientieren. Heute sah ich im Vorbeifahren tats\u00e4chlich \u00fcber einem Gesch\u00e4ft die alte Aufschrift <strong>\u201eGalanteriewaren\u201c<\/strong>. Das waren die Dinge, die Kafkas Vater Zeit seines Lebens verkauft hat: Schirme, Schals, Zwirn, Schleifen, modisches Beiwerk etc., alles, was man zur Vervollst\u00e4ndigung der Garderobe so brauchte.<\/p>\n<p>Wenn ich bisher die Atmosph\u00e4re von Prag mit einer Mischung aus Paris und Wien verglichen habe, so ist die Kleinseite eindeutig Salzburg zuzuordnen. Es ist lange her, dass ich in Salzburg war, doch hier schreit es mir an jeder Ecke f\u00f6rmlich entgegen. Die barocken Fassaden, die eng stehenden H\u00e4uschen, die kleinen, verwinkelten Gassen, den Berg hinauf, teilweise verstopft vom Autoverkehr. Mittendrin die gro\u00dfe Kuppel der St. Niklaskirche. Geht man hinein, wird man von der schwirrenden Pracht der Barockengel schier erschlagen \u2013 eine enorme Reiz\u00fcberflutung. Nat\u00fcrlich wurde sie von den Jesuiten in Auftrag gegeben, als Ausdruck ihrer Macht, und angelehnt an kein geringeres Vorbild als den Petersdom in Rom.<\/p>\n<figure id=\"attachment_494\" aria-describedby=\"caption-attachment-494\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Engel2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-494 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Engel2.jpg\" alt=\"Engel2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Engel2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Engel2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Engel2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Engel2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-494\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es fehlen nur die Mozartkugeln. Doch einige Gesch\u00e4fte halten auch sie bereit, denn Mozart war ja hier. Drei Mal ist er in Prag gewesen, insgesamt etwa ein halbes Jahr seines kurzen Lebens, und diese Aufenthalte geh\u00f6ren wohl zu seinen gl\u00fccklichsten und erfolgreichsten Zeiten. Beim ersten Mal wohnte er im Hause seines M\u00e4zens, des Grafen Thun \u2013 heute befindet sich in dem etwas abseits gelegenen Palast am Ende einer Sackgasse die britische Botschaft. Doch die Ausstrahlung des Hauses h\u00e4lt f\u00fcr mich seltsamerweise noch im Bereich des M\u00f6glichen, dass Mozart einmal hier war. Und die ganze Stadt tr\u00e4llerte damals seine Melodien aus dem \u201eFigaro\u201c. Unglaublich. Ach, ich h\u00e4tte gerne eine Zeitmaschine, um nur f\u00fcr eine halbe Stunde hier zu stehen, w\u00e4hrend Mozart hinter den offenen Fenstern dieses Hauses Cembalo spielt, livrierte Diener die Kerzenleuchter entz\u00fcnden und etwas Brodelndes in der Luft liegt, so wie ich mir das \u00fcberall vorstelle, wo er war.<\/p>\n<p>Angesichts der Adelspal\u00e4ste auf der Kleinseite gewinnt man wirklich den Eindruck, Casanova k\u00f6nnte einem aus einer der Nebenstra\u00dfen entgegenkommen. Folgerichtig gibt es ein italienisches Restaurant gleichen Namens nahe des Aufgangs zur Karlsbr\u00fccke. Viele der Adelsh\u00e4user sind heute ausl\u00e4ndische Botschaften oder Staatsbeh\u00f6rden \u2013 wie etwa der ungeheuerliche Wallenstein-Palast. Doch steigt man die Kopfsteinpflasterstr\u00e4\u00dfchen in Richtung Hradschin hinauf, stehen auch viele H\u00e4user leer. Hinter blinden, teils zerbrochenen Scheiben lauert schw\u00e4rzlicher Zerfall. Das romantisch-malerische Bild steht auf der Kippe.<\/p>\n<p>Aus dem Absinth-Gesch\u00e4ft an der Nerudova erklingt Pink-Floyd-Musik, sehr psychodelisch. Da ist wohl jemand mit einer anderen Zeitmaschine angekommen. Dieser Absinth muss ein ungeheuerliches Getr\u00e4nk sein. Er schimmert gr\u00fcnlich, bl\u00e4ulich in den kleinen Fl\u00e4schchen in der Auslage, hat zwischen 70 und mehr als 80 % Alkohol, teilweise wird er in gl\u00e4sernen Totenk\u00f6pfen verkauft, das ist reizvoll und faszinierend anzusehen. Dieses Getr\u00e4nk war lange vergessen und ist nun irgendwie zur\u00fcckgekehrt. In dem Absinth-Laden gibt es auch giftgr\u00fcne Absinth-Lutscher, gr\u00fcnliche Eiskugeln und Cannabis-Absinth.<\/p>\n<p>Die Pink-Floyd-Musik f\u00fchrt mich zu einer \u201eWall\u201c auf der romantischen Kampa-Insel, der John-Lennon-Mauer. Die Beatles durften niemals in Prag auftreten. Doch nach dem Attentat auf John Lennon im Jahr 1980 spr\u00fchten trauernde Fans und protestierende Studenten seine Songtexte an die Klosterwand des Malteserordens, ein versteckter, von hohen B\u00e4umen bestandener Platz, an dem bis heute John Lennon verehrt wird.<\/p>\n<p>Das geht mir nah, denn ich f\u00fchle mich auf meine Art mit John Lennon verbunden, sind wir doch am gleichen Tag geboren, wenn auch nicht im selben Jahr! Und unvergesslich ist mir das Mahnmal \u201eImagine\u201c, das ich vor einigen Jahren mit dir im New Yorker Central Park sah. Seine Witwe Yoko Ono lie\u00df es unweit der Stelle errichten, wo man Lennon vor seinem Wohnhaus erschossen hatte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_495\" aria-describedby=\"caption-attachment-495\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Lennon2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-495 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Lennon2.jpg\" alt=\"Lennon2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Lennon2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Lennon2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Lennon2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Lennon2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-495\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Hier, an der Prager John-Lennon-Wall, habe ich die Zeitmaschine der sechziger Jahre bestiegen. Ab und an passiert das noch, auf Flohm\u00e4rkten manchmal, bei alternativen Stadtfesten oder wenn man einen der selten gewordenen L\u00e4den betritt, in denen es nach Patschuli-R\u00e4ucherst\u00e4bchen riecht und wo noch Pal\u00e4stinensert\u00fccher h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Hier in Prag vor der John-Lennon-Wall in der einsetzenden D\u00e4mmerung, die, wie schon gesagt, t\u00e4glich fr\u00fcher beginnt, sind die sechziger Jahre auf erstaunliche Weise aktiv. Die bunte Wand selbst mit vielen Herzen und Lennon-Konterfeis ist an sich schon sehenswert. Doch die jungen Leute, Liebespaare, Freundespaare, die sich vor der Wand fotografieren, sind heute jung und kommen trotzdem her. Wer oder was mag John Lennon f\u00fcr sie bedeuten? Ein Musiker packt gerade seine Gitarre aus. Er hat tats\u00e4chlich in seinem offenen Gitarrenkasten, in dem er ein paar M\u00fcnzen einzunehmen hofft, ein Schild aufgestellt. Er ben\u00f6tige das Geld, um sich eine Zeitmaschine in die sechziger Jahre zu kaufen, steht da. Na also.<\/p>\n<p>Ich finde um die Ecke unverhofft ein \u00f6sterreichisches Restaurant und beschlie\u00dfe, hier zu essen. Selbstverst\u00e4ndlich bestelle ich in Erinnerung an Salzburg eine Frittatensuppe voraus, speziell f\u00fcr Thomas Bernhard, und danach K\u00e4ssp\u00e4tzle. Die Prager Kleinseite ist also nicht nur wegen Mozart und den Fassaden des 18. Jahrhunderts \u201esalzburgerisch\u201c!<\/p>\n<p>So gest\u00e4rkt besuche ich am Abend eine Veranstaltung im nahen Goethe-Institut in der Reihe \u201ePrager Begegnungen\u201c mit der tschechischen Autorin Anna Zonov\u00e0 und der deutschen Ricarda Junge, einer Wiesbadenerin, wie ich. Ricarda Junge meint beim Abschied, sie beneide mich ein wenig um meinen Aufenthalt hier in Prag. Recht hat sie.<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwoch, 12. 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