{"id":489,"date":"2014-11-12T01:17:49","date_gmt":"2014-11-12T01:17:49","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=489"},"modified":"2014-11-12T01:17:49","modified_gmt":"2014-11-12T01:17:49","slug":"briefe-aus-prag-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=489","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 9"},"content":{"rendered":"<p>Dienstag, 11. November 2014<\/p>\n<h1>Ein Nichts, ein Traum, ein Schweben<\/h1>\n<p>Sehr geehrter Herr Dr. Kafka,<\/p>\n<p>Sie haben in Ihrem Leben viele Briefe bekommen und sicherlich mindestens ebenso viele oder noch mehr geschrieben, sowohl beruflich, als auch privat, die Sie abgesandt oder nicht abgesandt haben. Deshalb scheint es mir angemessen, Ihnen in dieser Form zu begegnen. Zwar wei\u00df ich nicht, ob jemand, der im Jahr 1924 verstarb, einen Brief aus dem Jahr 2014 lesen kann, doch sollte das der Fall sein, werden Sie sich vermutlich dar\u00fcber wundern oder sogar freuen, denn Zeit Ihres Lebens haben Sie, wie ich meinte, in Erfahrung bringen zu k\u00f6nnen, gerne Briefe erhalten und h\u00e4ufig auf welche gewartet. Nun kommt dieser f\u00fcr Sie unverhofft.<\/p>\n<p>Heute habe ich Ihr Grab auf dem Neuen J\u00fcdischen Friedhof von Prag besucht. Wenn man die Untergrundbahn, die es zu Ihrer Zeit noch nicht gegeben hat, an der Station Zelivsk\u00e9ho verl\u00e4sst, sieht man sich der H\u00e4sslichkeit und Anonymit\u00e4t eines Platzes in der Vorstadt gegen\u00fcber. Fitnesscenter, ein Busbahnhof, die nichtssagende Fassade eines Dorinthotels \u2013 das sagt Ihnen alles nichts. Doch gegen\u00fcber, neben einem Blumenkiosk, befindet sich der Eingang zum Friedhof, mit Blick auf die gewaltige Einsegnungshalle mit ihrer Kuppel. Und wenn man durch das Tor tritt, trifft man gleich dahinter auf ein Schild, darauf steht schwarz auf wei\u00df: Dr. FRANZ KAFKA, 250 m, darunter ist ein Pfeil, der den Weg entlang nach rechts weist, an der Friedhofsmauer entlang.<\/p>\n<figure id=\"attachment_490\" aria-describedby=\"caption-attachment-490\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Schild2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-490 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Schild2.jpg\" alt=\"Schild2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Schild2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Schild2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Schild2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Schild2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-490\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>K\u00f6nnten Sie dieses Schild sehen, so w\u00fcrden Sie wohl annehmen, sich in einem Ihrer Alptr\u00e4ume zu befinden. Aber nein, es ist wahr. 150 Meter weiter findet sich sogar ein zweites Schild, obwohl man einfach nur geradeaus weitergehen muss, bis zu Ihrem Grab. Man kann es sowieso nicht verfehlen. Es ist mit Abstand das bunteste, voll mit trockenen Blumen und Str\u00e4u\u00dfen, M\u00fcnzen, abgebrannten Tee- und Grablichtern, Zetteln mit Botschaften unter Steinen, Spielzeug, Bildern&#8230; das zeugt von den vielen Menschen, die hierher kommen, um Ihnen die letzte Ehre zu erweisen, noch heute, neunzig Jahre nach Ihrem Tod. Ihre Eltern Hermann und Julie Kafka, die hier auch beerdigt liegen, w\u00fcrden diesen Rummel wohl gar nicht verstehen k\u00f6nnen. Auch im Tod, so muss man leider konstatieren, sind Sie Ihren Vater nicht los geworden.<\/p>\n<p>Viele Menschen m\u00f6chten sich bedanken, soweit ich die Zettel und Botschaften interpretiere \u2013 auf Tschechisch, Englisch, Deutsch &#8211; f\u00fcr Ihre Werke, Ihre B\u00fccher. Denn tats\u00e4chlich hat Ihr Freund Max Brod, dem man Ihrem Grab gegen\u00fcber eine Gedenkplatte in der Friedhofsmauer gewidmet hat, Ihre Schriften ja s\u00e4mtlich nicht vernichtet, wie das angeblich Ihr Wunsch war. Er hat sie herausgegeben und der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht und seither sind Sie weltweit einer der ber\u00fchmtesten und hochgesch\u00e4tzten Autoren des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob Sie es wirklich f\u00fcr m\u00f6glich gehalten haben, dass Ihr Freund Max Ihre Texte verbrennen w\u00fcrde. Vielleicht haben Sie Ihre Schriften ja gerade ihm \u00fcberantwortet, weil Sie wussten oder zumindest ahnten, dass er es nicht tun w\u00fcrde. Wie dem auch sei, dar\u00fcber k\u00f6nnen wir Lebenden nichts wissen.<\/p>\n<p>Der Tag ist f\u00fcr einen Friedhofsbesuch gut gew\u00e4hlt. Grau, aber trocken und mild, die Wege voller Laub, das leise und unaufhaltsam von den hohen B\u00e4umen des Friedhofs weiter heruntersegelt, einige der Bl\u00e4tter haben faszinierend blutrote Kanten.<\/p>\n<p>Ich habe Ihnen keine Blumen gebracht. Auch keinen Stein, wie auf j\u00fcdischen Friedh\u00f6fen \u00fcblich. Stattdessen habe ich etwas mitgebracht, das Sie &#8211; falls Sie im Jenseits schreiben wollen, wovon ich ausgehe &#8211; unbedingt ben\u00f6tigen, und das in der Tat unter den anderen Grabbeigaben nicht zu finden ist. Einen Bleistift. Ich habe einen besonderen f\u00fcr Sie ausgesucht, einen kleinen braunen einfachen Holzbleistift, wie sie im Caf\u00e9 Louvre, das Sie noch kennen und zu Ihren Lebzeiten h\u00e4ufig besucht haben, auf den Tischen parat liegen, damit die Besucher sich etwas notieren k\u00f6nnen. Ich dachte, das w\u00fcrde Sie vielleicht freuen und sie auch an die alten Zeiten in den Caf\u00e9h\u00e4usern erinnern. Auf dem Bleistift ist der Schriftzug \u201eCaf\u00e9 Louvre\u201c zu lesen, daneben die Zeichnung einer schreibenden Hand. Ich hoffe, Ihnen damit einen Gefallen erwiesen, ja vielleicht sogar, Ihnen eine Freude gemacht zu haben.<\/p>\n<p>Ich schlenderte dann durch die Allee entlang der Friedhofsmauer zur\u00fcck und beschloss, die Strecke Ihres Lebens sozusagen r\u00fcckw\u00e4rts zu gehen. Ich unternahm einen ausf\u00fchrlichen Spaziergang durch das alte Judenviertel, die Josefstadt. Die Jahrhundertwendeh\u00e4user nach der Assanierung des Ghettos stehen mehrheitlich noch genauso dort, wie sie zu Ihren Lebzeiten gebaut wurden. Ich spazierte an den Synagogen vorbei, warf einen Blick vom Br\u00fcckenkopf der Cechuvbr\u00fccke, Ihnen noch als Niklasbr\u00fccke bekannt, auf die andere Moldauseite: Die Aussicht, die Sie von Ihrem Zimmer in der Familienwohnung im Haus \u201eZum Schiff\u201c hatten \u2013 auf das Schloss Belvedere und den Hradschin. Man meint, herausgefunden zu haben, dass Sie im Haus \u201eZum Schiff\u201c einige Ihrer ma\u00dfgeblichen Texte geschrieben h\u00e4tten, \u201eDas Urteil\u201c, \u201eDie Verwandlung\u201c und gro\u00dfe Teile Ihres ersten Romans \u201eDer Verschollene\u201c. Falls das stimmt und Sie sich dar\u00fcber verwundern, woher man das wei\u00df, dann muss ich Ihnen sagen, dass die Forschungsliteratur \u00fcber Sie und Ihre Texte mittlerweile selbst Bibliotheken f\u00fcllt. Ich bitte Sie, davor nicht zu erschrecken.<\/p>\n<p>Das Mietshaus \u201eZum Schiff\u201c, das Sie damals mit der Familie bewohnten, steht nicht mehr, dort befindet sich ein Hotelkomplex. Ich wanderte weiter durch die heutige Maiselova bis zu der Stelle, an der Ihr Geburtshaus stand, das der Assanierung des Ghettos zum Opfer fiel. Hier steht jetzt ein Haus, in dessen Erdgeschoss ein Restaurant betrieben wird, das \u201eCaf\u00e9 Kafka\u201c hei\u00dft. Ich habe dort gegessen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_491\" aria-describedby=\"caption-attachment-491\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/cafekafka.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-491 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/cafekafka.jpg\" alt=\"cafekafka\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/cafekafka.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/cafekafka-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/cafekafka-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/cafekafka-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-491\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Essen war recht teuer, die Restaurantbetreiber lassen sich den Standort bezahlen. Aber das war es mir wert. Ich wollte gerne einmal in dem Haus sitzen, weil Sie an dieser Stelle geboren sind und ich heute an Ihrem Grab war. \u00dcbrigens kann man in dem Lokal auch koscheres Essen bekommen. Die W\u00e4nde sind mit Ihren Fotografien tapeziert. Und \u2013 Sie werden es nicht glauben &#8211; der Platz davor hei\u00dft heute Franz-Kafka-Platz.<\/p>\n<p>Sehr verehrter Herr Dr. Kafka, ich m\u00f6chte Ihre Zeit nicht \u00fcber Geb\u00fchr in Anspruch nehmen und hoffe, Sie mit meinem Schreiben nicht verunsichert oder verwirrt zu haben. Was ich Ihnen geschrieben habe, werden Sie vermutlich ohnehin l\u00e4ngst wissen. Dennoch haben Sie dort, wo Sie nun sind, die Ruhe, nach der Sie sich wohl immer gesehnt haben. Ich hoffe auch, dass mein Brief Ihnen nicht zu pers\u00f6nlich ist. Es ist nicht meine Absicht, Ihnen zu nahe zu treten. Falls Sie das so empfinden sollten, so entschuldigt mich ein besonderer Umstand. Wenn es mir auch fern liegt, mich mit Ihrer Meisterschaft zu vergleichen, so darf ich Ihnen dennoch mitteilen, dass ich ebenfalls schreibe und daher verstehe, wovon Sie sprechen, wenn Sie vom Schreiben sprechen und wovon Sie diesbez\u00fcglich in Ihrem Leben getr\u00e4umt haben.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Ihnen sagen, Sie sind ein sehr gro\u00dfer Autor und zu Recht unvergessen. Generationen von Lesenden und Schreibenden haben sich an Ihren Werken geschult. So m\u00f6chte auch ich Ihnen danken, daf\u00fcr, dass Sie nicht aufgegeben haben, solange Ihnen das m\u00f6glich war. Ihr Freund Max Brod hat m\u00f6glicherweise einen Verrat begangen \u2013 aber er war wohl wirklich ein Freund. Sie k\u00f6nnen darauf stolz sein.<\/p>\n<p>Nun hoffe ich, dass Sie an dem Ort, wo Sie sind, Ihren Humor nicht verloren haben. Und was es auch immer mit dem Schreiben auf sich haben mag, das Leben ist die gro\u00dfe Schule, an der wir ausgebildet werden. Sie wussten das. Sonst w\u00fcrde es nicht unter den vielen wunderbaren S\u00e4tzen, die Sie geschrieben haben und die weltweit zitiert werden, eben diese geben: \u201eIch pr\u00fcfte die W\u00fcnsche, die ich f\u00fcr das Leben hatte. Als wichtigster oder als reizvollster ergab sich der Wunsch, eine Ansicht des Lebens zu gewinnen (und &#8211; das war allerdings notwendig verbunden \u2013 schriftlich die anderen von ihr \u00fcberzeugen zu k\u00f6nnen), in der das Leben zwar sein nat\u00fcrliches schweres Fallen und Steigen bewahre, aber gleichzeitig mit nicht minderer Deutlichkeit als ein Nichts, als ein Traum, als ein Schweben erkannt werde.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht erinnern Sie sich von dort, wo Sie nun sind, an das Leben und vermissen genau dieses Nichts, diesen Traum, dieses Schweben. Ich habe es heute auf Ihren Spuren entdecken k\u00f6nnen. Herzlichen Dank daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Hochachtungsvoll<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dienstag, 11. November 2014 Ein Nichts, ein Traum, ein Schweben Sehr geehrter Herr Dr. Kafka, Sie haben in Ihrem Leben viele Briefe bekommen und sicherlich mindestens ebenso viele oder noch mehr geschrieben, sowohl beruflich, als auch privat, die Sie abgesandt oder nicht abgesandt haben. 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