{"id":485,"date":"2014-11-11T03:48:32","date_gmt":"2014-11-11T03:48:32","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=485"},"modified":"2014-11-11T03:48:50","modified_gmt":"2014-11-11T03:48:50","slug":"briefe-aus-prag-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=485","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 8"},"content":{"rendered":"<h1>Montag, 10. November 2014<\/h1>\n<p>Im Ballsaal<\/p>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>der Pianist im Caf\u00e9 Slavia spielt, w\u00e4hrend sich die Kaffeehausbesucher unterhalten, die Mobiltelefone klingeln, die Kellner mit klappernden Tellern vorbeihasten, w\u00e4hrend vor den gro\u00dfen Fenstern die Nacht hereinbricht und die Fassade des Nationaltheaters gegen\u00fcber, eben noch schw\u00e4rzlich grau, jetzt in leuchtendem Ocker erstrahlt.<\/p>\n<p>Da er dazu verurteilt ist, in einer Stadt zu leben, deren Zentrum ein immerw\u00e4hrender Ballsaal ist, in dem die Lichter nicht ausgehen, die Touristen kaufen, die Stra\u00dfenbands spielen, die Fotoapparate klicken und das Leben ein nicht enden wollendes Fest zu sein scheint, setzt er ein verschlossen freundliches Gesicht auf und versteckt alles, was ihn bewegt hinter der Fassade seines schwarzen Anzugs, dem wei\u00dfen Hemdkragen, den h\u00fcbschen Lackschuhen. Er ist nicht mehr jung. Er wartet schon lange nicht mehr auf Applaus. Ein gedrungener Mann, der hinter dem schwarzen Fl\u00fcgel nahezu verschwindet. Er hat noch volles, wei\u00dfes Haar und buschige graue Augenbrauen, unter denen zwei tief liegende traurige Augen hervorschauen. Ohne bestimmte Aufmerksamkeit folgen sie dem Geschehen um ihn herum.<\/p>\n<p>Niemand scheint ihn zu bemerken. Hektische junge M\u00fctter ziehen ihre Kleinkinder vom Treppenabsatz neben seinem Fl\u00fcgel hoch, die Kinder greinen. Suchende Touristinnen \u00fcbersehen ihn auf dem Weg zur Toilette. H\u00f6rt ihm jemand zu? H\u00f6rt ihn \u00fcberhaupt jemand? \u201eAs time goes by\u201c spielt er, dann Chopin, Beethoven. Eine junge Frau lugt vorsichtig hinter dem Wandvorsprung hervor, vor dem er sitzt. Ist er echt?<\/p>\n<p>\u201eWhere do I begin to tell the story&#8230;.\u201c spielt er, so geschmeidig, wie die zwischen den Apfelstrudelscheiben langsam und gen\u00fcsslich zerlaufende Sahne.<\/p>\n<p>Das Slavia ist ein leuchtendes Traumschiff, es legt ab und f\u00e4hrt die Moldau hinunter bis zur Elbe und weiter, es wird gr\u00f6\u00dfer, je n\u00e4her es dem Meer kommt, strahlend hebt sich Deck um Deck aus dem Wasser, sehr aufrecht, stolz. Er tr\u00e4umt. \u201eWei\u00dft du wohin mein Herz auf Reisen geht?\u201c spielt er, und die blauen Schatten um seine Augen wachsen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_486\" aria-describedby=\"caption-attachment-486\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Slavia2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-486 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Slavia2.jpg\" alt=\"Slavia2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Slavia2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Slavia2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Slavia2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Slavia2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-486\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Schiff wird Hamburg erreichen und sich von dort aufmachen \u00fcber den Atlantik, ein zerbrechliches Juwel auf der weithin dunklen See, die der Rundung der Erde folgt, und er wird spielen, n\u00e4chtelang, bis zur Hafeneinfahrt von New York. Wie gro\u00df und reich viele Teile der Welt sein k\u00f6nnen und welche scheinbar unersch\u00f6pflichen M\u00f6glichkeiten sie bieten, wenn man nur das Gl\u00fcck hat, auf der \u201erichtigen\u201c Seite der Halbkugel zu sein.<\/p>\n<p>Verirrte Touristen tanzen im Ballsaal. \u201eWo geht es denn jetzt zur Karlsbr\u00fccke?\u201c Dort, wohin sie gehen, jedenfalls nicht. Wie ortskundig ich auf einmal schon bin. Doch ich schweige und sehe ihnen nach. Ein Paar kommt mir auf einem engen B\u00fcrgersteig entgegen. Ich weiche nicht aus. \u201eHier muss es doch irgendwo einen Taxistand geben\u201c, sagt er und springt vom Bordstein. Sie quetscht sich an mir vorbei. \u201eDu mit deinem Taxistand!\u201c<\/p>\n<p>Unten an der Moldau eine kleine Gruppe. \u201eDo m\u00fcsse mer nunter, die n\u00e4xschte!\u201c Ja sicher, dort laufen ohnehin alle. In den Seitenstra\u00dfen ist es still.<\/p>\n<p>Alle scheinen \u00fcberall sehr besch\u00e4ftigt. Nur mir ist heute ein wenig flau. Ich bin ersch\u00f6pft, brauche Zeit, das Gesehene zu verarbeiten, den K\u00f6rper, den ich seit einer Woche \u00fcbers Kopfsteinpflaster schleppe, auszuruhen.<\/p>\n<p>Still ist es geworden im Caf\u00e9. Als ich von meinen Notizen aufblicke, ist der Klavierspieler fort. Der Pianist l\u00e4sst sich entschuldigen. Er ist zu Schiff nach&#8230;<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Montag, 10. November 2014 Im Ballsaal Liebster, der Pianist im Caf\u00e9 Slavia spielt, w\u00e4hrend sich die Kaffeehausbesucher unterhalten, die Mobiltelefone klingeln, die Kellner mit klappernden Tellern vorbeihasten, w\u00e4hrend vor den gro\u00dfen Fenstern die Nacht hereinbricht und die Fassade des Nationaltheaters gegen\u00fcber, eben noch schw\u00e4rzlich grau, jetzt in leuchtendem Ocker erstrahlt. 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