{"id":478,"date":"2014-11-10T03:36:56","date_gmt":"2014-11-10T03:36:56","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=478"},"modified":"2014-11-10T03:36:56","modified_gmt":"2014-11-10T03:36:56","slug":"briefe-aus-prag-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=478","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 7"},"content":{"rendered":"<p>Sonntag, 9. November 2014<\/p>\n<p><strong>\u201eAm Grunde der Moldau wandern die Steine,<br \/>\nes liegen drei Kaiser begraben in Prag&#8230;\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>heute ist Sonntag. Deshalb hat Herr Dr. Kafka frei und somit hat er auch frei von mir und mein Begleiter Klaus Wagenbach kann sich ebenfalls zwischen seinen Buchdeckeln auf dem Schreibtisch ausruhen und braucht das Haus nicht zu verlassen. Ich stattdessen habe noch eine Eintrittskarte f\u00fcr den Hradschin, die zwei Tage g\u00fcltig ist, und deshalb steht heute der St. Veits-Dom und der alte K\u00f6nigspalast auf meinem Programm, zwei Lokalit\u00e4ten auf meinem Ticket, die der elektronische Kartenleser gestern nicht gesehen hat, weil ich zu Kafka unterwegs war.<\/p>\n<p>Ausgerechnet an diesem Wochenende f\u00e4hrt die Metro A wegen Reparaturarbeiten nicht zur Kleinseite hin\u00fcber und nach der einst\u00fcndigen Umsteige-Odyssee von gestern, beschloss ich heute, schlauer zu sein, und gleich bei der ersten M\u00f6glichkeit in die Stra\u00dfenbahn umzusteigen. Die besondere Linie 22, die ohnehin von meinem kleinen Reisef\u00fchrer empfohlen wird. Man solle damit einmal von Endstation zu Endstation fahren, damit habe man ganz Prag gesehen, das ersetze jede Stadtrundfahrt. Keine Erw\u00e4hnung findet dabei, dass die Linie meistens sehr voll ist und man damit besch\u00e4ftigt ist, m\u00fchsam festen Halt zu suchen, anstatt mit Mu\u00dfe aus dem Fenster zu sehen und die Stadt an sich vorbeiziehen zu lassen.<\/p>\n<p>Ohnehin haben die heutigen Reisef\u00fchrer so ihre T\u00fccken. Klein und handlich kann man sie zwar unaufw\u00e4ndig \u00fcberallhin mitnehmen, und der ausklappbare Verkehrslinienplan ist ebenso hilfreich wie die Stadtteilpl\u00e4ne, die aktuellen Adressen und Eintrittspreise. Doch von einem Kulturf\u00fchrer sind diese hippen, schicken B\u00fcchlein weit entfernt \u2013 da m\u00fcsste man schon einen dicken W\u00e4lzer herumschleppen &#8211; und je mehr ich die Stadt kennen lerne, desto mehr fehlt mir genau das. Ich brauche gar nicht zu wissen, wo es die teuersten Taschen und die besten Cocktails in der Stadt gibt. Aber ich w\u00fcrde beispielsweise gerne etwas \u00fcber die Geschichte der Prager Burg lesen.<\/p>\n<p>Franz Kafka sind in meinem Reisef\u00fchrerchen immerhin ein paar Seiten gewidmet, da kommt man wohl in Prag nicht drum herum. Aber nehmen wir mal Jan Neruda zum Beispiel. Die steile Nerudova-Stra\u00dfe zum Hradschin hinauf ist nach dem Prager Autor benannt, der 1891 starb und im Haus Nerudova Nr. 47 gewohnt hat. In der Fassade erinnert ein Relief mit einer Inschrift an ihn. Das wei\u00df mein Reisef\u00fchrer zwar und sogar, dass Neruda mit Erz\u00e4hlungen \u00fcber die kleinen Leute der Kleinseite ber\u00fchmt wurde. Doch ansonsten muss er mir unbedingt berichten, dass Neruda Trinker war und sich passend dazu in seinem Wohnhaus ein Bierausschank befand. Heute ist dort im \u00dcbrigen kein Bierausschank mehr sondern einer der vielen Andenkenl\u00e4den dieser Stra\u00dfe. Ob Neruda nun Trinker war oder nicht ist mir einigerma\u00dfen egal, jedenfalls hat einer der von mir sehr verehrten gro\u00dfen Lyriker Lateinamerikas, der Chilene Pablo Neruda, diesen Prager Dichter so bewundert, dass er seinen Namen angenommen und ihn weltber\u00fchmt gemacht hat.<\/p>\n<p>Der unerm\u00fcdliche Strom der Touristen steigt zum Hradschin hinauf und ich schlie\u00dfe mich an. Es ist nicht ganz so viel los wie gestern. Aber der Mann mit Ritterhelm und Kettenhemd steht auch heute eisern am Aufgang zum Hradschinplatz und versucht, einige Kronen mit seinem \u00c4u\u00dferen zu verdienen. Gestern stand er an der gleichen Stelle, als ich kam, und er stand noch immer dort, als ich nach Stunden wieder ging. Auch eine Gesch\u00e4ftsidee, die nichts f\u00fcr mich w\u00e4re.<\/p>\n<figure id=\"attachment_479\" aria-describedby=\"caption-attachment-479\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Dom2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-479 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Dom2.jpg\" alt=\"Dom2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Dom2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Dom2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Dom2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Dom2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-479\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Tritt man aus dem Durchgang zum dritten Burghof des Hradschin, steht man unmittelbar vor der Frontseite des Doms, so nah, dass man meint, den Atem anhalten zu m\u00fcssen. Nachdem ich gestern das steinerne Gebirge der Kathedrale bereits umrundet und im weichen Sonnenlicht ausgiebig bewundert und fotografiert habe, trete ich nun ein. Den gotischen Kathedralen und ihren Baumeistern habe ich immer schon gr\u00f6\u00dfte Bewunderung gezollt. Ich habe den sehnlichen Wunsch, w\u00e4hrend meiner Lebenszeit wenigstens einmal alle gro\u00dfen europ\u00e4ischen Kathedralen zu sehen. Da schlie\u00dft diese Begegnung mit dem Prager St. Veits-Dom ein ma\u00dfgebliche L\u00fccke. Im unwahrscheinlichen Nachmittagslicht, das durch die erstaunlichen Fenster f\u00e4llt, sehe ich die liegenden Grabfiguren des Habsburger Mausoleums in der Mitte der gotischen Halle und blitzartig kommt mir ein Lied in den Sinn, an das ich schon lange nicht mehr gedacht habe. Unwillk\u00fcrlich beginne ich, vor mich hin zu singen: \u201eAm Grunde der Moldau wandern die Steine, es liegen drei Kaiser begraben in Prag. Das Gro\u00dfe bleibt gro\u00df nicht und klein nicht das Kleine, die Nacht hat zw\u00f6lf Stunden, dann kommt schon der Tag.\u201c<\/p>\n<p>Heute, am 9. November 2014, wo in Berlin die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls begangen werden, mit der Grenze aus Licht in der ehemals geteilten Stadt, bekommt Brechts Lied einen denkw\u00fcrdig aktuellen Sinn.<\/p>\n<p>Ich sehe die Wenzelskapelle, ich kaufe einem alten Mann ein Teelicht ab und entz\u00fcnde es am Ausgang. Dann verlasse ich die hohe Halle, Gott zu ehren, f\u00fcrs Erste wieder. Genug tote Kaiser und Gekreuzigte f\u00fcr einen Tag. Ich habe noch Zeit in dieser Stadt und werde sicher wiederkommen.<\/p>\n<p>Im bereits tr\u00fcben, sp\u00e4ten Licht gehe ich hin\u00fcber zum alten K\u00f6nigspalast. Auch drinnen ist es duster, das diensthabende Personal wartet schon auf seinen Feierabend, doch die R\u00e4ume r\u00fchren mich an. Sie haben trotz der vielen Touristenstr\u00f6me, die durch sie hindurchmarschieren und zu dieser Stunde schon sehr nachgelassen haben, etwas von der Atmosph\u00e4re der vergangenen Jahrhunderte bewahrt. Man sp\u00fcrt, dass alles echt ist und nicht Disneyland. Der Wladislaw-Saal aus dem 16. Jahrhundert war damals der gr\u00f6\u00dfte Saal Europas, wo neben den Hofzeremonien auch Reitturniere stattfanden. \u00dcber eine Rampe konnte man mit Pferden in den Saal reiten. Ich stehe fasziniert vor dieser r\u00e4umlichen Erhabenheit. In einer der Amtsstuben dar\u00fcber mit herrlich sp\u00e4tgotischem Rippengew\u00f6lbe fand der Prager Fenstersturz statt, der den Beginn des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges markiert. Davon spricht mein Reisef\u00fchrer nicht. Ich stehe am ber\u00fchmten Fenster und blicke hinaus in das von leichten Nebelschlieren wie mit einem Weichzeichner \u00fcberzogene Stadtbild.<\/p>\n<p>In der alten Landrechtsstube steht der Thron der K\u00f6nige. Es k\u00f6nnte auch das B\u00fchnenbild zu einem von Shakespeares K\u00f6nigsdramen sein, gleich mag Richard dem Dritte um die Ecke biegen, mit verhangenem Blick, im Winter seines Missvergn\u00fcgens. Seitlich, in einer Glasvitrine, stehe ich unerwartet vor den ma\u00dfgeblichen Insignien des Reiches: Zepter, Reichsapfel und Krone. Sie gl\u00e4nzen wie aus einem M\u00e4rchen von den guten und b\u00f6sen K\u00f6nigen, ihren Sch\u00e4tzen, ihren Wohl- und Gr\u00e4ueltaten und ihrem hungernden Volk. Sie hatten es warm hier, gro\u00dfe Kachel\u00f6fen in allen R\u00e4umen, von hier aus beherrschten sie die ganze, ihnen bekannte Welt.<\/p>\n<p>Die Bediensteten klappern mit den Schl\u00fcsseln und wollen endlich in ihren Feierabend. Demonstrativ legen sie dicke, schwere Seile vor die Treppenaufg\u00e4nge und R\u00e4umlichkeiten und machen die Ausgangst\u00fcr weit auf: Exit. Zaghaft steige ich die Rampe hinunter, \u00fcber die in den Saal geritten wurde. Sehe mich noch einmal um. H\u00f6re das Gewieher der Pferde, die Fanfaren. Vergangen&#8230;<\/p>\n<p><em>\u201eAm Grunde der Moldau wandern die Steine&#8230;\u201c<\/em>. Schon als Kind habe ich dieses Lied als etwas Besonderes empfunden, ohne seinen Sinn zu verstehen. Es l\u00f6ste eine Art trauriger Hoffnung in mir aus oder hoffender Trauer. <em>\u201eDie Nacht hat zw\u00f6lf Stunden, dann kommt schon der Tag.\u201c<\/em> Berlin, 9. November 1989. Prag, 17. November 1989. Daher soll Bertolt Brecht heute das letzte Wort haben:<\/p>\n<p><em>\u201eEs wechseln die Zeiten. Die riesigen Pl\u00e4ne<\/em><br \/>\n<em>der M\u00e4chtigen kommen am Ende zum Halt.<\/em><br \/>\n<em>Und gehen sie einher auch wie blutige H\u00e4hne,<\/em><br \/>\n<em>es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag, 9. November 2014 \u201eAm Grunde der Moldau wandern die Steine, es liegen drei Kaiser begraben in Prag&#8230;\u201c Liebster, heute ist Sonntag. Deshalb hat Herr Dr. Kafka frei und somit hat er auch frei von mir und mein Begleiter Klaus Wagenbach kann sich ebenfalls zwischen seinen Buchdeckeln auf dem Schreibtisch ausruhen und braucht das Haus&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,3,7,5],"tags":[],"class_list":["post-478","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kunst","category-literatur","category-malerei","category-theater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/478","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=478"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/478\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1614,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/478\/revisions\/1614"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=478"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=478"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=478"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}