{"id":473,"date":"2014-11-09T11:04:03","date_gmt":"2014-11-09T11:04:03","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=473"},"modified":"2014-11-10T11:56:07","modified_gmt":"2014-11-10T11:56:07","slug":"briefe-aus-prag-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=473","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 6"},"content":{"rendered":"<p>Samstag, 8. November 2014<\/p>\n<h1>\u201e&#8230;der sch\u00f6ne Weg hinauf, die Stille dort&#8230;\u201c<\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>gestern habe ich vom Verschwinden der Kaffeehauskultur geschrieben. Und vor einigen Tagen sagte ich: Kafka lebt nicht mehr hier. So wie immer bei einer Recherche ist nichts mehr vorzufinden und gleichzeitig ist alles noch da. Es kommt auf den Blickwinkel an. Wer sich auf Recherche befindet, ist ein Suchender und nimmt den Blick des Liebenden ein. Wie ein Liebender will man das Objekt der Begierde finden, verstehen, festhalten.<\/p>\n<p>Das Gegenteil des Verschwindens ist das Bewahren und das ist wohl ein Sinn der Literatur. Sie bewahrt die Geschichten auf, die Gef\u00fchle. Damit sie wieder und wieder erz\u00e4hlt und nachempfunden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Viele H\u00e4user, in denen Kafka, Max Brod, Milena gelebt haben, stehen noch im unzerst\u00f6rten Prag, andere eben nicht mehr. Zwischen dem Balkon mit dem goldenen Hecht, an dessen Br\u00fcstung Kafka noch immer lehnen k\u00f6nnte, bis hin\u00fcber zum h\u00e4sslichen Intercontinental-Hotelgeb\u00e4ude an der Stelle des Hauses, in dem Kafka vermutlich einige seiner Texte schrieb, gibt es verschlossene T\u00fcren in vielerlei Gestalt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_482\" aria-describedby=\"caption-attachment-482\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/cafearco2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-482 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/cafearco2.jpg\" alt=\"cafearco2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/cafearco2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/cafearco2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/cafearco2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/cafearco2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-482\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Neben dem verrammelten ehemaligen Caf\u00e9 Arco, vor dem ich gestern stand, hat auch das Haus in der Skorepka 1, Max Brods Wohnung, in der Kafka Felice begegnete, f\u00fcr mich eine solche verschlossene T\u00fcr. Ich schlich nun schon mehrfach daran vorbei, in der Hoffnung, einen Blick ins Treppenhaus zu erhaschen, oder dass vielleicht gerade jemand hineinginge, heraustr\u00e4te, etwas hinauftragen m\u00fcsste &#8211; doch kein Blick ins Innere scheint mir hier verg\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Oder das \u201eGrand Hotel Europa\u201c am Wenzelsplatz. Hinter der wunderbaren Jugendstilfassade las Kafka am 4. Dezember 1912 seine Erz\u00e4hlung \u201eDas Urteil\u201c \u00f6ffentlich vor. Damals hie\u00df das Hotel noch \u201eErzherzog Stefan\u201c und Kafka las im Spiegelsaal in der oberen Etage des zweigeschossigen Caf\u00e9s. Dort sind nun ebenfalls alle Lichter aus. Ich bin schon einige Male daran vorbeigekommen, am traurigsten wirkt es nach Anbruch der Dunkelheit, wenn die Lichter am Wenzelsplatz allenthalben erstrahlen, doch hinter den Fenstern des Hotel Europa bleibt es dunkel wie in einem Grab. Dort gehen wohl nur mehr noch die blinden Gespenster der Vergangenheit um.<\/p>\n<p>Auf Stra\u00dfenh\u00f6he ist das Hotelgeb\u00e4ude von einem Bretterbauzaun eingeschlossen, der einen schmalen Durchgang hat, vor dem zwei T\u00fcrsteher Wache schieben. Es scheint sich dabei um das B\u00fcro einer Immobilienfirma zu handeln, die momentan provisorisch dahinter ihre Klienten empf\u00e4ngt, falls ich die Werbetafeln richtig interpretiert habe. Dass man nicht hineinkommt, hat Kafka mit seiner Parabel vom T\u00fcrsteher bereits hinl\u00e4nglich zu Literatur gemacht. Es ist also ein gewohnter Zustand in seinem Werk, nur ich mag mich nicht recht damit abfinden.<\/p>\n<p>Heute allerdings durfte ich einmal in ein Kafka Allerheiligstes hinein und wenn der Raum auch schnell zu \u00fcberblicken war, so erf\u00fcllte mich das doch mit einiger Befriedigung. Ich hatte mich zum Hradschin aufgemacht, um das kleine Haus in der ehemaligen Alchimistengasse, heute Goldenes G\u00e4sschen, zu sehen, das Kafka gemeinsam mit seiner Schwester im Winter 1916\/17 kurzzeitig gemietet hatte und in dem er, der lauten Stra\u00dfenecke beim goldenen Hecht entflohen, endlich in Ruhe schreiben konnte und einige seiner wichtigsten Texte verfasste, darunter den \u201eBericht f\u00fcr eine Akademie\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_483\" aria-describedby=\"caption-attachment-483\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/kafkahaus2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-483 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/kafkahaus2.jpg\" alt=\"kafkahaus2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/kafkahaus2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/kafkahaus2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/kafkahaus2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/kafkahaus2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-483\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ich hatte eigentlich das Schlimmste bef\u00fcrchtet. Ein Samstag, ideal f\u00fcr Tagesausfl\u00fcgler, dazu strahlendes Sonnenwetter \u2013 die Leute sa\u00dfen vor den Restaurants im Freien, als sei August! Und die ehemals so stille Gasse ist l\u00e4ngst nicht mehr still, sondern eine der ganz gro\u00dfen Touristenattraktionen unter den vielen Highlights, die der Hradschin zu bieten hat. Um in das G\u00e4sschen zu kommen, muss man mittlerweile Eintritt bezahlen und sich an die \u00d6ffnungszeiten halten. In der Winterjahresh\u00e4lfte wird die Gasse um 16 Uhr geschlossen. Ein vertr\u00e4umtes n\u00e4chtliches Schlendern im Licht der Stra\u00dfenlampen, sich dabei ausmalen, dass einem gleich ein schlanker Mann in Anzug und Hut entgegen k\u00e4me, der mit leichter Nervosit\u00e4t sein H\u00e4uschen aufschlie\u00dft und darin verschwindet, um endlich seine eigentliche Arbeit tun zu k\u00f6nnen, das geht hier nicht mehr. Es gibt Andenkenl\u00e4den und liebevoll anschauliche historische Museumsr\u00e4ume im Goldenen G\u00e4sschen zu besichtigen und wenn man etwas noch ein zweites Mal anschauen will, muss man gegen den Strom der Besucher an, denn es ist eine Einbahnstra\u00dfe \u2013 auf einer Seite mit dem Ticket rein, auf der anderen Seite \u00fcber eine schmale Treppe hinunter wieder raus: Exit.<\/p>\n<p>Aber was solls, ich war gewappnet und sehr positiv \u00fcberrascht. Kaum betritt man das abgelegene Str\u00e4\u00dfchen im hintern Bereich des Hradschin-Komplexes, sieht man schon das H\u00e4uschen. Heute blau angestrichen, die Nummer 22, ein kleiner Buchladen. Klein ist hier wirklich klein. Diese mittelalterliche H\u00e4userzeile diente einst den Palastwachen als Quartier. Es waren aber zu Zeiten auch Goldschmiede und Alchimisten hier, die f\u00fcr Rudolf II Gold zu machen versuchten. Sp\u00e4ter waren die H\u00e4uschen privat bewohnt und ab und zu an K\u00fcnstler vermietet. Auch Jaroslav Seifert, der tschechische Dichter und Nobelpreistr\u00e4ger, arbeitete eine Zeitlang in dieser Gasse.<\/p>\n<p>Kafkas ehemaliges Schreibh\u00e4uschen darf man also betreten, weil es heute ein Buchladen ist. Kaum drei Schritte breit, nicht mal zehn Schritte lang. Ein Fenster nach hinten hinaus, zu sehen sind nichts als sehr hohe B\u00e4ume, alles buntes Laub, sehr sch\u00f6n. Zumal Kafka das H\u00e4uschen im November gemietet hatte, also musste er in etwa diesen Blick gehabt haben. Andererseits, er kam nachts, also blickte er wohl in die Schw\u00e4rze.<\/p>\n<p>Ein Fenster zur Gasse und noch ein Kleines links neben der Eingangst\u00fcr. Ein Zimmer f\u00fcr ihn allein. Diese Forderung Virginia Woolfs f\u00fcr die schreibenden Frauen ihrer Generation ging hier f\u00fcr Franz Kafka wunderbar auf.<\/p>\n<p>Ich werde misstrauisch von der Verk\u00e4uferin be\u00e4ugt, weil ich weniger ihre Auslagen als vielmehr die vermeintliche Aussicht betrachte. \u00dcber einem der sch\u00f6nen alten Holzregale, in denen die B\u00fccher aufgestellt sind, klebt ein kleines Schild: \u201eThis book wrote Kafka in this house\u201c. Ich m\u00f6chte das Schild fotografieren, aber ich werde sofort zur\u00fcckgepfiffen. Das sei ein Laden zum Verkaufen, nicht zum Fotografieren! Ja, sie kann nicht wissen, was ich hier eigentlich suche. Dennoch, was f\u00fcr ein Unterschied im Ton zu dem herzlichen Willkommen gestern in der Kafka-Buchhandlung im Kinsky-Palais am Altst\u00e4dter Ring, als ich mit dem Fotografen kam. Der meinte auch ganz erstaunt zu mir, diese Freundlichkeit sei nicht unbedingt \u00fcberall die Regel. Hier w\u00e4re unser Fototermin wohl nicht m\u00f6glich gewesen. Egal, ich sehe das Haus! Ich bin drin! Und es ist wundersch\u00f6n. Trotz Touristenstr\u00f6men kann ich mir die Ruhe, die Abgeschiedenheit von Kafkas Klausur noch vorstellen. Ja, hier hatte er einen wunderbaren Ort. Eine Art Hobbith\u00f6hle. Mehr braucht es nicht zum Schreiben, wenn man von der Welt in Ruhe gelassen wird.<\/p>\n<p>Er blieb wohl immer bis gegen Mitternacht, wei\u00df mein unerm\u00fcdlicher Begleiter Klaus Wagenbach zu berichten, dann machte er sich auf den R\u00fcckweg in die Stadt hinunter. Vom Haus Zum goldenen Hecht zog er bald um auf die Kleinseite und bewohnte drei Zimmer im zweiten Stock des Sch\u00f6nborn-Palais in der Marktgasse (Trziste). Heute befindet sich in dem repr\u00e4sentativen Palais mit ausladendem Gartengrundst\u00fcck die US-amerikanische Botschaft. Da darf man selbstverst\u00e4ndlich nicht hinein und eigentlich ist auch das Fotografieren verboten. Aber man r\u00fcgt mich nicht, als ich meine Schnappsch\u00fcsse mache.<\/p>\n<p>Wagenbach empfiehlt, Kafkas n\u00e4chtlichen Weg von der Alchimistengasse zum Sch\u00f6nborn-Palais nachzuvollziehen: Durch den gesamten Burgkomplex zur\u00fcck, die neue Schlossstiege hinunter, die Nerudagasse abw\u00e4rts und beim Haus Nr. 13 durch das Tor \u2013 dieser Weg f\u00fchre direkt zum Palais. Ich war geneigt, Wagenbach nicht zu vertrauen, trat aber dennoch durch das Tor, in der Erwartung, gleich auf einem Privatgrundst\u00fcck zu stehen. Doch siehe da: Hinter dem Innenhof f\u00fchrt tats\u00e4chlich ein schmales Kopfsteinpflasterstr\u00e4\u00dfchen abw\u00e4rts, links vom altem Mauerwerk begrenzt, dahinter ein verwilderter Garten, rechts gedrungene H\u00e4user, Laternen an den Hausw\u00e4nden. Zwar war es noch nicht dunkel, doch ich konnte es mir sehr gut vorstellen. Wie Herr Dr. Kafka sehr befriedigt nach getaner Schreibarbeit nach Hause spazierte, bergab \u00fcbers Kopfsteinpflaster, im Schein der Laternen. Nur mit seinem Schatten als stillem Begleiter. M\u00f6glicherweise waren das seine gl\u00fccklichsten Abende. Kurz, wie vielleicht jedes stille, geheime Gl\u00fcck. Denn wenig sp\u00e4ter wurde er krank, seine Tuberkulose k\u00fcndigte sich mit ersten Blutst\u00fcrzen an. Dann konnte er diesen Weg, den er so lange gesucht und endlich gefunden hatte, bald nicht mehr gehen. Sieben Jahre sp\u00e4ter starb er.<\/p>\n<p>Ich spaziere \u00fcber die romantische Halbinsel Kampa mit ihrer belebten Gr\u00fcnanlage am Moldauufer zur\u00fcck. Mir tun die F\u00fc\u00dfe weh, der Hradschin und das Kopfsteinpflaster haben mich geschafft. Aber ich habe Herrn K. ein klein wenig \u00fcber die Schulter schauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstag, 8. 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