{"id":469,"date":"2014-11-08T13:43:23","date_gmt":"2014-11-08T13:43:23","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=469"},"modified":"2014-11-09T11:09:10","modified_gmt":"2014-11-09T11:09:10","slug":"briefe-aus-prag-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=469","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 5"},"content":{"rendered":"<p>Freitag, 7. November 2014<\/p>\n<h1>Auf der Suche nach dem geschlossenen Caf\u00e9<\/h1>\n<p>Liebster,<\/p>\n<p>der Tag begann mit der Suche nach einer neuen Gl\u00fchbirne f\u00fcr meine Schreibtischlampe. Auf einem Sonderpostentisch beim Norma-Markt um die Ecke wurde ich nach einiger Zeit f\u00fcndig. Es werde also wieder Licht.<\/p>\n<p>Heute war Fototermin f\u00fcr die Stipendiatin des Prager Literaturhauses. Ich traf mich mit dem deutschen Fotografen Bj\u00f6rn Steinz vor dem Hotel Century Old Town \u2013 in meiner Lesart die alte Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, Kafkas Arbeitsplatz. Herr Steinz kannte zwar das Hotel und er wusste auch, dass Kafka dereinst in der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt seinen Dienst tat, doch dass es sich dabei um dieses Geb\u00e4ude handelte, war ihm neu. So konnte ich einem seit zwanzig Jahren in Prag Lebenden unverhofft noch etwas Neues erz\u00e4hlen. Das hat mich sehr gefreut, zumal er ein hessischer Landsmann ist, ganz in meiner N\u00e4he im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen.<\/p>\n<p>Das Treppenhaus, das ich f\u00fcr den Fototermin vorgeschlagen hatte, begeisterte ihn. Ich hatte eigentlich nichts anderes erwartet. Danach spazierten wir zur Kafka-Buchhandlung am Altst\u00e4dter Ring, wo Kafkas Vater sein Gesch\u00e4ft gef\u00fchrt hatte. Auch das wusste Herr Steinz noch nicht. Ich hatte extra f\u00fcr den Anlass mein neu erworbenes Kafka-T-Shirt angezogen. Er meinte, dieses T-Shirt sei bei einem Fototermin noch nicht vorgekommen, seit er die Stipendiaten fotografiert.<\/p>\n<p>Beim Kafka-Denkmal an der Spanischen Synagoge endete unser Fotospaziergang. Herr Steinz kam hier auf die Idee, man k\u00f6nnte eine Sammlung von Schnappsch\u00fcssen der Touristen machen, die sich vor der Kafka-Statue in den unterschiedlichsten Posen fotografieren. Ein Reiseleiter erkl\u00e4rte einer recht befremdlich dreinblickenden Gruppe junger Leute: \u201eHis name is Franz Kafka.\u201c Aha. Vielleicht w\u00fcrde hier ein Besuch des Kafka-Museums Abhilfe schaffen&#8230;.<\/p>\n<figure id=\"attachment_470\" aria-describedby=\"caption-attachment-470\" style=\"width: 3864px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Denkmal2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-470 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Denkmal2.jpg\" alt=\"Denkmal2\" width=\"3864\" height=\"5152\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Denkmal2.jpg 3864w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Denkmal2-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Denkmal2-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 3864px) 100vw, 3864px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-470\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Fotograf und ich trennten uns vor Kafkas Denkmal nach einer inspirierten Fototour mitten am tr\u00fcben Nachmittag. Er hastete zu seinem n\u00e4chsten Termin und ich spazierte los, ins Blaue. Ach, wie wunderbar kann das Leben doch sein. Gestern sagte ein Besucher der Ausstellung im Literaturhaus den denkw\u00fcrdigen Satz: \u201eDas ber\u00fchmte Carpe diem kann manchmal einfach darin bestehen, einen Tag lustvoll zu vertr\u00f6deln.\u201c Das hatte ich im Prinzip mit diesem Nachmittag vor. Nichts Neues sehen, die bisherigen Eindr\u00fccke auf mich wirken lassen \u2013 das war doch einiges in den vergangenen Tagen! Doch ich blieb auf Kafkas und Milenas Spuren. Zun\u00e4chst stand ich noch einmal vor dem Eckhaus \u201eZum goldenen Hecht\u201c und sah endlich das Hauswappen, den goldenen Fisch an der Fassade. Er ziert noch immer Kafkas ehemaligen Balkon, wie Klaus Wagenbach mich in seinem B\u00fcchlein belehrt hat. Fassungslos sehe ich nach oben. Ja, an dieser lauten Kreuzung ist das Schreiben sicherlich undenkbar \u2013 damals wie heute. Immer noch nicht verwunderlich f\u00fcr mich, dass in dieser Wohnung wohl so gut wie kein Werk entstanden ist. Und von dem Balkon konnte Kafka, wie Wagenbach erl\u00e4utert, auch in die Fenster der Wohnung schr\u00e4g gegen\u00fcber sehen, die er seinerzeit f\u00fcr die Ehe mit Felice vorgesehen hatte&#8230;. Da kamen ihm wohl mindestens doppelte Fluchtgedanken!<\/p>\n<p>Ich mache mich auf zum Caf\u00e9 Arco, das damals bekannte Literatencaf\u00e9 in der Hyberner Gasse. In den Kaffeeh\u00e4usern spielte sich ja, wie man wei\u00df, zum Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg ein Gro\u00dfteil des gesellschaftlichen Lebens ab und einen besonderen Stellenwert hatten die K\u00fcnstler- und Literaturcaf\u00e9s, die zu Treffpunkten der Autoren, Journalisten, Musiker und Schauspieler der Stadt wurden. Das Prager Caf\u00e9 Arco war ein solcher Ort, der sozusagen in die Kulturgeschichte Europas einging. Oftmals, wie in diesem Fall, schloss sich ein Billardsaal an.<\/p>\n<p>Beim Caf\u00e9 Louvre, einem der wenigen noch in Betrieb befindlichen Jahrhundertwende-Kaffeeh\u00e4user der Stadt ist das bis heute so. Wagenbach schreibt, dass das Caf\u00e9 Arco samt Billardsaal erhalten ist. Das freute mich ungemein, zumal die allermeisten Caf\u00e9s aus der Zeit nicht mehr existieren und so beschloss ich, dort zu essen. Es liegt etwas abgelegen, abseits von Graben und Wenzelsplatz, wie auch die Milena-Biografin Alena Wagnerov\u00e1 schreibt, denn Milena Jesensk\u00e0 ging ebenfalls im Arco ein und aus. Sie traf hier auch auf ihren Geliebten Ernst Polak. Ja, dieser Ort w\u00fcrde mich inspirieren.<\/p>\n<p>Etwas abgelegen ist er tats\u00e4chlich, man l\u00e4uft bis zum Ende des Grabens, die Na prikope ganz hinunter, von Schaufenster zu Schaufenster, H&amp;M bis Mc Donalds, eine einzige Einheitsmontur auf Gesichtsh\u00f6he. Nur, wenn man h\u00f6her hinaufschaut, sieht man die herrlichen Fassaden der alten H\u00e4user aufblitzen. Doch dazu war es schon beinahe zu dunkel geworden. Hinter dem mittelalterlichen Pulverturm geht es noch ein ganzes St\u00fcck die heutige Hybernsk\u00e1 hinauf und ich sehe schon von weitem, dass dort auf der rechten Seite, wo ich die Nummer 16 vermute, kein Licht brennt. Ruhetag? Unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>Nein! Die Fenster sind verschlossen, das Licht ist ausgegangen. Es sieht aus wie f\u00fcr immer. Ein f\u00fcr mich trauriger Anblick. Es bleibt mir nichts \u00fcbrig, als an der sehr belebten Kreuzung zu stehen, zwischen Auto- Stra\u00dfenbahn- und Fu\u00dfg\u00e4ngerverkehr und ein paar ungl\u00e4ubige Fotos von den dunklen Fenstern und dem Schriftzug Kaverna Arco an der Hauswand zu machen. Damit falle ich ein wenig auf, denn das Geb\u00e4ude, an dem praktisch st\u00e4ndig die Stra\u00dfenbahnen entlangrumpeln, macht alles andere als einen fotogenen Eindruck. Die Arkaden sind voller Graffiti und die ganze Stra\u00dfenecke wirkt sch\u00e4big. Hier gibt es gar nichts zu sehen, k\u00f6nnte man meinen. So ist es nun mal mit der historischen Recherche \u2013 immer ist man auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Und wieder hatte Herr Wagenbach leider inzwischen Unrecht. Wie verh\u00e4lt es sich also mit der Kaffeehauskultur?<\/p>\n<p>Gestern in der Bibliothek des Literaturhauses war mir ein Buch von Lenka Reinerov\u00e0 aufgefallen, mit dem sch\u00f6nen Titel: \u201eDas Traumcaf\u00e9 einer Pragerin\u201c. Die Titelgeschichte bezog sich auf das Verschwinden der alten Kaffeeh\u00e4user und sie erfand sich im Traum und in ihrer Literatur deshalb ein Caf\u00e9 und bev\u00f6lkerte es nach ihren W\u00fcnschen. Ja, der tiefere Sinn dessen wird mir nun klar, liebe Frau Reinerov\u00e1 und ich bedauere zweierlei. Zum einen, dass ich mir das Buch nicht ausgeliehen habe, um die ganze Geschichte zu lesen und zum anderen, dass Sie diese Idee schon hatten! Andernfalls h\u00e4tte ich sie gerne gehabt und hier gerade auch gut gebrauchen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich trat in der hereinbrechenden D\u00e4mmerung, die mir sehr sp\u00fcrbar jeden Tag ein wenig fr\u00fcher kommt, den langen R\u00fcckweg bis in die N\u00e1rodni an, um mich dem\u00fctig ins Caf\u00e9 Louvre zu begeben. Mag es dort auch sehr laut und voll sein, ich musste hin und freies WIFI gibt es dort au\u00dferdem. Auf dem Weg kam ich am Wohnhaus der Familie Jesensk\u00e1 in der 28. Rijna Nr. 13 vorbei. Die repr\u00e4sentative Jugendstilfassade wirkt pomp\u00f6s und ungeheuer reich. Es sieht noch heute aus, als w\u00e4re es Milena dort gut gegangen. Im ersten Stock, wo ihr Vater seine Zahnarztpraxis hatte, leuchten sehr hell die Auslagen eines Bekleidungsgesch\u00e4fts. Und die Indianer mit ihren Panfl\u00f6ten sind auch wieder da, heute noch bereichert von einem \u00fcbergro\u00dfen tanzenden Pandab\u00e4ren. Deshalb schnell ins Louvre und dann zur\u00fcck, um an den Schreibtisch zu gehen.<\/p>\n<p>In Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freitag, 7. November 2014 Auf der Suche nach dem geschlossenen Caf\u00e9 Liebster, der Tag begann mit der Suche nach einer neuen Gl\u00fchbirne f\u00fcr meine Schreibtischlampe. Auf einem Sonderpostentisch beim Norma-Markt um die Ecke wurde ich nach einiger Zeit f\u00fcndig. Es werde also wieder Licht. Heute war Fototermin f\u00fcr die Stipendiatin des Prager Literaturhauses. 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