{"id":456,"date":"2014-11-07T15:35:50","date_gmt":"2014-11-07T15:35:50","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=456"},"modified":"2014-11-07T20:46:36","modified_gmt":"2014-11-07T20:46:36","slug":"briefe-aus-prag-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=456","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 4"},"content":{"rendered":"<p>Donnerstag, 6. November 2014<\/p>\n<h1>\u201e&#8230;horchend ins Geschrei der Dohlen&#8230;\u201c<\/h1>\n<p>Liebster,<br \/>\njetzt ist die Birne meiner Schreibtischlampe kaputt gegangen und ich sitze im Halbfinsteren, um meinen Brief zu schreiben.<\/p>\n<p>Gestern Nacht hat es geregnet, der Asphalt war nass gl\u00e4nzend, als ich am Vormittag bei bedecktem Himmel aus dem Haus ging. \u00dcbrigens sind die Prager freundlich. Sie kommen mir gelassen vor, selbst in vollen Metroz\u00fcgen und \u00fcberf\u00fcllten Stra\u00dfenbahnen w\u00e4hrend der Rush-Hour. J\u00fcngere stehen in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln wortlos auf, wenn \u00c4ltere einsteigen. Niemand hetzt die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone entlang. Ich blicke nicht sehr h\u00e4ufig in leere, abwesende Gesichter. Die Autofahrer halten tats\u00e4chlich am Zebrastreifen, wenn man als Fu\u00dfg\u00e4nger hin\u00fcber will. Sie bremsen auch aus voller Fahrt. Das bin ich aus dem hektischen Deutschland nicht mehr gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Gestern ist vielerorts hier die Weihnachtsbeleuchtung aufgeh\u00e4ngt worden. In der Innenstadt ist es mir aufgefallen und an der Metrostation, die in der N\u00e4he meiner Wohnung liegt, sind alle B\u00e4ume mit Lichterketten beh\u00e4ngt und die Au\u00dfenfassaden des gro\u00dfen Einkaufszentrums blinken mit Tausenden von L\u00e4mpchen, als t\u00e4uschten sie Schnee vor. Gestern stand auch tats\u00e4chlich schon ein erster Weihnachtsmann neben einem der Pferdefuhrwerke f\u00fcr die Touristen. Das geht mir alles ein bisschen zu schnell. Soweit sind wir noch wirklich noch nicht.<\/p>\n<p>Mein Tag heute war drei geteilt. Das erste Drittel verbrachte ich im Prager Literaturhaus. Dort habe ich mir die wunderbare, liebevolle und sehr informative Ausstellung zur deutschsprachigen Literatur in Prag angesehen \u2013 Schautafeln, Fotoreproduktionen und eine sch\u00f6ne Bestandsbibliothek. Neben der Geschichte der deutschsprachigen Autoren in Prag, die hier eingehend dokumentiert ist, habe ich ein paar kleine Entdeckungen f\u00fcr mich gemacht. Zum Beispiel die B\u00fccher von Lenka Reinerov\u00e0, eine der letzten deutschsprachigen Autorinnen Prags und Mitbegr\u00fcnderin des Prager Literaturhauses. In ihren Erinnerungen und Erz\u00e4hlungen \u00fcber ihr Leben in dieser Stadt bezeichnet sie Prag als eine \u201eintime Gro\u00dfstadt\u201c. Das trifft es meines Erachtens genau. Leider lebt sie nicht mehr. Das Literaturhaus, das in diesem Monat zehn Jahre alt wird, ist neben ihren B\u00fcchern ihr Verm\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>Den zweiten Teil des Tages verbrachte ich mit einem ausgedehnten Fu\u00dfmarsch \u00fcber den Karlsplatz bis zur Moldau und dann am Moldauufer hinauf bis zur Karlsbr\u00fccke. Die ber\u00fchmten Bilder des repr\u00e4sentativen Prags alle auf einmal. Das \u201etanzende Haus\u201c des Architekten Frank Gehry, vor dem eine junge Japanerin von mir fotografiert werden wollte. Die Prachtfassaden entlang des Flusses, das imponierende Geb\u00e4ude des Goetheinstituts, das Nationaltheater, das Caf\u00e9 Slavia. So verlockend es war, dort auf einen Kaffee einzukehren, mich trieb es weiter, das Tageslicht auszunutzen. Das Caf\u00e9 Slavia kann ich bei anderer Gelegenheit besuchen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_460\" aria-describedby=\"caption-attachment-460\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Smetana2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-460 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Smetana2.jpg\" alt=\"Smetana2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Smetana2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Smetana2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Smetana2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Smetana2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-460\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Smetanas Denkmal am Moldauufer \u2013 immer h\u00f6rt er das Rauschen des Wehrs. M\u00f6wen sitzen tr\u00e4ge auf den Holzbalken im Fluss. Der Postkartenblick auf die Karlsbr\u00fccke und die Kleinseite mit Hradschin und St. Veits-Dom. Die romantisch anmutenden Moldauinseln im Herbstlaub, mit tr\u00e4umerisch schaukelnden Booten. Ausflugsschiffe und Raddampfer. Dann \u00fcber die Karlsbr\u00fccke \u2013 weniger los als beim letzten Mal, der bedeckte Himmel h\u00e4lt Touristen und Andenkenverk\u00e4ufer fern. Die unerm\u00fcdliche Bridge Band spielt aber.<\/p>\n<p>So gelangte ich zum dritten Teil des Tages. Ich hatte mir spontan noch das Kafka-Museum am Moldauufer auf der Kleinseite vorgenommen. Man hatte mich davor gewarnt. Das sei so eine Kette von Museumsbetreibern, die in gro\u00dfen St\u00e4dten den jeweiligen kulturellen Pers\u00f6nlichkeiten entsprechend ein Angebot aufz\u00f6gen. Nun, warum nicht. Und wenn man auf der Recherche ist, gibt es nichts, das einem nicht einen neuen Aspekt erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. Ich war schon etwas m\u00fcde gelaufen, als ich endlich bei dem niedrigen lang gezogenen Bau ankam und es begann zu d\u00e4mmern. Ein Brunnen vor dem Eingang, in den zwei nackte M\u00e4nnerskulpturen pissen, erregte wohl bei der Er\u00f6ffnung des Museums Aufsehen. Mehr als das frage ich mich, was es wohl mit Kafka zu tun haben mag? Man muss zuerst in den Shop \u2013 Merchandising wird gro\u00df geschrieben. Doch ich finde fast nichts, das mich interessiert. So viele Kafka-Zitate auf Englisch wirken befremdlich. Einzig ein kleiner Grundriss von Prag aus dem Jahr 1825 gef\u00e4llt mir.<\/p>\n<p>Bei meinem Eintreten in das Museum, begreife ich sofort und erinnere mich an die ausgesprochene Warnung, die ich vor Monaten in Wiesbaden erhalten hatte. Kafka als Multimedia-Show. Vor schwarzen Designerw\u00e4nden Reproduktionen von Fotos und Briefen in Vitrinen, Bilder vom alten j\u00fcdischen Ghetto vor der Asanierung. Dagegen w\u00e4re im Prinzip nichts zu sagen. Wenn nur der Soundteppich nicht w\u00e4re. Ich f\u00fchle mich wie unter Wasser, ein tiefes undefinierbares Rauschen, dazu immer wiederkehrende Versatzst\u00fccke aus Smetanas Moldau untermalen sich verzerrende Filmausschnitte aus dem alten Prag, ein fahler Mond zwischen den B\u00e4umen verwandelt sich in Kafkas Auge&#8230;. \u00dcber allem die Schreie der Dohlen \u2013 dem Wappentier der Kafka-Familie, nach ihrem Namen. Ich lese ein Zitat aus Kafkas Tagebuch, auf Deutsch, so dass ich mich beinahe erschrecke. Ach, ja, richtig, Kafka schrieb ja auf Deutsch! Das vergisst man hier schnell. \u201eHorchend ins Geschrei der Dohlen, von ihrem Schatten \u00fcberflogen&#8230;.\u201c. Ob die Museumsdesigner das vielleicht zu w\u00f6rtlich genommen haben? Ich frage mich lieber nicht mehr, wie Kafka das finden w\u00fcrde. Allerdings: An der Seite, sehr real und deshalb v\u00f6llig fehl am Platz, durchaus kafkaesk, stehen zwei kaputte Klappst\u00fchle aus Holz. Ein St\u00fcck weiter folgen die \u201ewichtigsten\u201c Frauen: Julie, Felice, Milena und Dora \u2013 jede hat einen eigenen Glaskasten, der mit Ketten von der Decke herabh\u00e4ngt. Ich gehe schnell weiter. Ich muss ins Freie, brauche Licht und Luft. Nein, dieses Museum ist nichts f\u00fcr mich. Es sind nur wenige Besucher da. Durchweg junge Leute, stelle ich fest, sie stehen interessiert vor den Vitrinen, lesen aufmerksam. Ich staune. Vielleicht erreicht diese Performance tats\u00e4chlich eher junge Menschen? Na, wenn sie ihnen Kafka nahe bringt, mir soll es recht sein. Nichts wie weg, da ist die Treppe nach unten \u2013 rot beleuchtet, als f\u00fchre sie in einen Nachtclub. Oh nein, was ist das? Ich h\u00f6re Schritte, Telefonklingeln, Schreibmaschinengeklapper \u2013 das ewige B\u00fcro! Zwischen W\u00e4nden aus schwarz gl\u00e4nzenden Karteik\u00e4sten, die ein kleines Labyrinth bilden, befinde ich mich nun endg\u00fcltig in der Kafka-Geisterbahn. Nur durchkommen hier, irgendwo muss doch der Ausgang sein. Ja, da schimmert es wei\u00df, nein, keine T\u00fcr, eine Leinwand, ich lese: \u201eThe castle\u201c. Hier sitzt ein junges Besucher-Liebespaar und schaut die wolkenflimmernde Leinwand an, auf der sich langsam ein Schloss aus dem Himmel erhebt \u2013 weiter, ja, da ist die T\u00fcr! Ich habe es geschafft. Der Aufsicht im Eingangsbereich sage ich nicht \u201eAuf Wiedersehen\u201c. Zur\u00fcck in Richtung Karlsbr\u00fccke, da habe ich doch vorhin irgendwo eine Pizzeria gesehen \u2013 und auf dem Weg dorthin war der englische Shakespeare bookshop. Der k\u00f6nnte mich jetzt retten. Ich st\u00f6bere noch eine Weile erleichtert auf den beiden etwas chaotisch und dennoch sortiert wirkenden vertrauenserweckenden Geschossen des Antiquariats herum, lasse mich in der Ecke mit den deutschen B\u00fcchern in einen alten Sessel fallen und bl\u00e4ttere in Jan Nerudas Prager Geschichten. Meine Wirklichkeit hat mich wieder. Also, das Kafka-Museum habe ich dann auch gesehen. Das kann ich dann mal von der Liste streichen. Wie gut, dass ich mir keinen ganzen Tag daf\u00fcr reserviert hatte.<\/p>\n<p>F\u00fcr heute in Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donnerstag, 6. November 2014 \u201e&#8230;horchend ins Geschrei der Dohlen&#8230;\u201c Liebster, jetzt ist die Birne meiner Schreibtischlampe kaputt gegangen und ich sitze im Halbfinsteren, um meinen Brief zu schreiben. Gestern Nacht hat es geregnet, der Asphalt war nass gl\u00e4nzend, als ich am Vormittag bei bedecktem Himmel aus dem Haus ging. \u00dcbrigens sind die Prager freundlich. 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