{"id":432,"date":"2014-11-06T21:36:35","date_gmt":"2014-11-06T21:36:35","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=432"},"modified":"2014-11-07T20:50:16","modified_gmt":"2014-11-07T20:50:16","slug":"briefe-aus-prag-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=432","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 3"},"content":{"rendered":"<p>Mittwoch, 5. November 2014<\/p>\n<h1>Im Schatten der j\u00fcdischen Stadt<\/h1>\n<p>Liebster,<br \/>\num den Mitlesenden zu erkl\u00e4ren, warum es sich um Briefe handelt, die \u00f6ffentlich werden, sei Folgendes gesagt: Kafka war ein gro\u00dfer Briefschreiber. Neben seinen Erz\u00e4hlungen, Tagebucheintr\u00e4gen und Romanen, hat er sehr viele Briefe hinterlassen. Durch seine Briefe an Felice und an Milena wurden diese beiden Frauen weltber\u00fchmt und werden bis heute mit ihm in einem Atemzug genannt. Daneben gibt es seine Briefe an die Familie, die Schwestern \u2013 und den ber\u00fcchtigten Brief an den Vater, der Eingang in die Weltliteratur gefunden hat. Auch Milena Jesensk\u00e1, die tschechische Journalistin, deren Leben und Werk Teil meiner Recherche ist, war eine gro\u00dfe Briefschreiberin.<a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kafkas_Brief_an_den_Vater_001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-436\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kafkas_Brief_an_den_Vater_001.jpg\" alt=\"Die erste Seite von Kafkas ber\u00fchmten 'Brief an den Vater'.\" width=\"1751\" height=\"2752\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kafkas_Brief_an_den_Vater_001.jpg 1751w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kafkas_Brief_an_den_Vater_001-190x300.jpg 190w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Kafkas_Brief_an_den_Vater_001-651x1024.jpg 651w\" sizes=\"auto, (max-width: 1751px) 100vw, 1751px\" \/><\/a>Die erste Seite von Kafkas ber\u00fchmten &#8218;Brief an den Vater&#8216;.<\/p>\n<p>Ich habe mich daher f\u00fcr die Form von Briefen entschieden. Ohnehin ist ja jeder Text, den man schreibt, ein Brief an einen Leser, eine Leserin. In Zeiten des Internets ist das Briefeschreiben aus der \u201eMode\u201c gekommen, obwohl allgemein viel gemailt und gesimst wird. Kafkas ber\u00fchmt gewordenes Zitat: <em>\u201eGeschriebene K\u00fcsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Weg ausgetrunken\u201c<\/em>, erh\u00e4lt \u00fcberhaupt erst im Internetzeitalter einen tieferen, neuen Sinn. Durch welche Kabel und Vernetzungen diese geschriebenen K\u00fcsse erst hindurch m\u00fcssen \u2013 von abgeh\u00f6rten und abgelauschten K\u00fcssen gar nicht zu reden. Nun ja, die Briefform ist also als Verneigung vor den gro\u00dfen Briefe schreibenden Kolleginnen und Kollegen der Vergangenheit gedacht.<\/p>\n<p>Heute ein Tag mit leichter Bew\u00f6lkung, hin und wieder brach die Sonne durch, meine dicke Regenjacke und mein Schal sind nach wie vor fehl am Platz. Ich machte mich auf in das j\u00fcdische Prag \u2013 die \u00e4lteste j\u00fcdische Gemeinde auf europ\u00e4ischem Boden. \u00dcbrig geblieben ist davon haupts\u00e4chlich ein Museum, besucht von Touristen aus aller Welt: Der alte j\u00fcdische Friedhof und im Umkreis von wenigen hundert Metern f\u00fcnf erhaltene Synagogen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_462\" aria-describedby=\"caption-attachment-462\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Friedhof2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-462\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Friedhof2.jpg\" alt=\"(c) Schubert\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Friedhof2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Friedhof2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Friedhof2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Friedhof2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-462\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aus der Metrostation Staromestsk\u00e0 hinaufgekommen und um zwei H\u00e4userecken gebogen, stand ich unvermittelt schon vor dem Eingang zum Museum und hatte mich doch auf einen l\u00e4ngeren Fu\u00dfmarsch eingestellt. Nur wenige Tagesbesucher fanden heute Mittag den Weg dorthin \u2013 auch dies sicherlich wunderbarerweise dem Monat November zu verdanken, der weit weniger Touristen in die Stadt sp\u00fclt. Ich zahlte Eintritt f\u00fcr die gro\u00dfe Tour: Alle Synagogen und der Friedhof.<\/p>\n<p>Der Rundgang begann in der Pinkassynagoge, seit den 1960er Jahren Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die b\u00f6hmischen und m\u00e4hrischen Opfer der Shoah, ein Prager Jad Vashem. 80 000 Menschen von hier starben in den Vernichtungslagern.<\/p>\n<figure id=\"attachment_444\" aria-describedby=\"caption-attachment-444\" style=\"width: 2304px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Pinkas_synagogue.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-444\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Pinkas_synagogue.jpg\" alt=\"Eingang zur Pinkas-Synagoge neben dem Zugang zum alten J\u00fcdischen Friedhof\" width=\"2304\" height=\"1728\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Pinkas_synagogue.jpg 2304w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Pinkas_synagogue-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Pinkas_synagogue-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Pinkas_synagogue-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 2304px) 100vw, 2304px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-444\" class=\"wp-caption-text\">Eingang zur Pinkas-Synagoge neben dem Zugang zum alten J\u00fcdischen Friedhof<\/figcaption><\/figure>\n<p>Entlang der W\u00e4nde der Synagoge stehen alle ihre Namen als Mahnmal. Und im ersten Stock ist eine Ausstellung mit Kinderbildern aus Theresienstadt in der Zeit zwischen 1942-44 zu sehen. Die Bilder warfen mich um. Ein mit Bleistift hingekritzelter Zug, der in ein graues Nichts aus Bleistiftstrichen f\u00e4hrt, andere, bunte Bilder von der Sehnsucht nach daheim, dazu drastisch naive Darstellungen des Lageralltags \u2013Ein Bild bewegte mich vor allen anderen: Reise in die Dunkelheit \u2013 ein Schiff mit vollen Segeln f\u00e4hrt in der linken Bildh\u00e4lfte unter einem Sternenhimmel ins Schwarze. Auf der rechten Seite des Bildes brennt isoliert, vor wei\u00dfem Hintergrund eine Kerze. Ich h\u00e4tte davor stehen bleiben m\u00f6gen, musste mich losrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Ich war froh, dass es sp\u00e4ter im Andenkenladen ein B\u00fcchlein \u00fcber die Ausstellung zu kaufen gab, \u201eI have not seen a butterfly around here\u201c. Nicht auf Deutsch, das fand ich ganz richtig. Das Bild vom Schiff ist nicht darin abgebildet, aber ich werde es noch lange vor meinem inneren Auge sehen. Was f\u00fcr ein Auftakt zu diesem Tag!<\/p>\n<p>Durch ein verschlossenes Gittertor sah ich wenig sp\u00e4ter bereits die Grabsteine des alten j\u00fcdischen Friedhofs neben der Pinkassynagoge. Zwischen den Gr\u00e4bern hantierte Wumpf. Er war es \u2013 eindeutig! Wumpf ist der Totengr\u00e4ber aus George Taboris St\u00fcck \u201eJubil\u00e4um\u201c, das auf einem j\u00fcdischen Friedhof spielt, in dem die Opfer der Verfolgung nachts als Untote die Schrecken ihrer Ermordung immer wieder durchleben m\u00fcssen. Vor vielen Jahren habe ich das St\u00fcck in Stuttgart inszeniert. Der \u00e4ltere, untersetzte G\u00e4rtner in Blaumann und leichter Jacke arbeitete still und ohne aufzusehen zwischen den Gr\u00e4bern, schaufelte Erde mit einem Spaten in seine Schubkarre und fuhr diese dann umst\u00e4ndlich zwischen den Grabsteinen hindurch irgendwohin. Er arbeitete einsam, konzentriert, unbeirrt von den Blicken der Besucher. Und flugs, kaum betrete ich den Friedhof durch das ge\u00f6ffnete Tor, befindet er sich mit seinem Schubkarren pl\u00f6tzlich im rechten Teil des Gr\u00e4berfeldes. Wie kam er so schnell da hin? Er f\u00e4hrt mit dem vollen Karren Erde direkt an mir vorbei, ohne mich anzusehen, verschwindet hinter einer Wegbiegung und bleibt verschwunden. Also wenn das nicht Wumpf war! Es w\u00fcrde mich nicht wundern, wenn die \u00fcbrigen Besucher ihn nicht gesehen h\u00e4tten. So gr\u00fc\u00dfe ich George von hier, oder vielmehr, er gr\u00fc\u00dft mich.<\/p>\n<p>Endlose Grabsteinfelder, eng zusammengedr\u00e4ngt, aneinandergelehnt, scheinbar mit den alten B\u00e4umen verwachsen, schmale Wege hindurch, das fallende Laub, hier stimmt die Jahreszeit, ein stiller Ort mitten in der Stadt, trotz der Touristen wie unber\u00fchrt \u2013 unber\u00fchrbar. Umschlossen von einer hohen Mauer leben die Toten hier ihr ewiges Leben. Darunter Rabbi L\u00f6w, der ber\u00fchmte angebliche Erschaffer des Golems. Auf seinem Grabstein, der einen aufrechten L\u00f6wen zeigt, brennen Teelichter.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter in der Altneusynagoge, der \u00e4ltesten erhaltenen Synagoge Europas. Ich habe Gl\u00fcck. Nur wenige Menschen verirren sich an diesem Nachmittag hierher und eine gef\u00fchrte Gruppe tritt gerade hinaus, als ich eintrete. So sah eine Synagoge also urspr\u00fcnglich aus! Entlang der W\u00e4nde des zweischiffigen Baus sind die h\u00f6lzernen Gebetsst\u00fchle erhalten, ebenso rund um das Podium in der Mitte, mit dem Pult zum Vorlesen der Thora, vom \u00fcbrigen Raum durch ein gotisches Gitter getrennt. Ein sakraler, mittelalterlicher Raum aus dem 13. Jahrhundert. Dieser Ort hat alles \u00fcberstanden und er ist noch immer da. Ich sitze ehrf\u00fcrchtig und betrachte die Mauern, in denen Rabbi L\u00f6w wirkte \u2013 und wo er der Legende nach die Reste des Golem entweder unter dem Dach oder unter der Synagoge hinterlassen haben soll.<\/p>\n<figure id=\"attachment_441\" aria-describedby=\"caption-attachment-441\" style=\"width: 1280px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/alt-neu-synagoge-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-441\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/alt-neu-synagoge-1.jpg\" alt=\"Prag: Die alt-neu Synagoge\" width=\"1280\" height=\"922\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/alt-neu-synagoge-1.jpg 1280w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/alt-neu-synagoge-1-300x216.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/alt-neu-synagoge-1-1024x737.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/alt-neu-synagoge-1-416x300.jpg 416w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-441\" class=\"wp-caption-text\">Prag: Die alt-neu Synagoge<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als ich von meinem kleinen deutschsprachigen F\u00fchrer durch das j\u00fcdische Prag aufblicke, bin ich wunderbarerweise ganz allein im Raum. Von drau\u00dfen h\u00f6re ich zwar Stimmen, aber niemand kommt herein, und bis ich mich zum Gehen wende, bleibt das so. Ich schicke einen kleinen Dank in den \u00c4ther.<\/p>\n<p>Nach einem Blick auf das j\u00fcdische Rathaus mit seiner r\u00fcckw\u00e4rts gehenden hebr\u00e4ischen Uhr \u00fcberquere ich die von schicken Model\u00e4den ges\u00e4umte Parizsk\u00e0, die Pariser Stra\u00dfe, ja, Paris l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen, ebenso New York und all die reichen Gro\u00dfst\u00e4dte der westlichen Welt. Ich aber suche die Bilekgasse auf (B\u00edlkova), in der Kafka sein erstes eigenes Zimmer bewohnte, allerdings nur f\u00fcr kurze Zeit. Das Haus steht noch. Doch an der Stelle der Familienwohnung \u201eZum Schiff\u201c, nahe der Moldau, erhebt sich heute das Hotel Praha-Intercontinental, ein besonders h\u00e4ssliches Bauwerk. Mehr als schade ist das vor allem deshalb, weil Wagenbach schreibt, dass Kafka genau hier seine erste gro\u00dfe Erz\u00e4hlung \u201eDas Urteil\u201c schrieb, wenig sp\u00e4ter auch \u201eDie Verwandlung\u201c und Teile seines \u201eAmerika\u201c-Romans. W\u00e4hrend er in den H\u00e4usern, die es noch gibt, gr\u00f6\u00dftenteils gar nicht schreiben konnte, weder in der Bilekgasse, noch im Haus zum Goldenen Hecht in der heutigen Dlouh\u00e0, das ich auch noch anschaue. \u00dcberall war es ihm zu laut.<\/p>\n<p>Auch heute herrscht reges Treiben allenthalben, ich kann ihn verstehen. Doch rund um das Haus \u201eZum Schiff\u201c, das nicht mehr existiert und in dem er schreiben konnte, sollen seinerzeit eine Menge Baustellen gewesen sein &#8211; beispielsweise wurde gerade die Cechbr\u00fccke \u00fcber die Moldau gebaut! Also nur am L\u00e4rm allein kann es auch nicht liegen. Entweder gelingt das Schreiben eben, oder es gelingt nicht und im zweiten Fall ist man geneigt, es auf alles M\u00f6gliche zu schieben. Doch wer wei\u00df, wie dieses Mysterium entsteht oder eben nicht entsteht. Jeder Schreibende kann \u201eein Lied davon singen.\u201c<\/p>\n<p>Vom Restaurant des Intercontinental-Hotels im obersten Stockwerk soll man den Kafka-Blick aus seinem damaligen Zimmer noch haben, empfiehlt Wagenbach. Aber mindestens f\u00fcr den Augenblick schenke ich mir das.<\/p>\n<p>Ich spaziere zur letzten Synagoge, der Spanischen, in der heute viele Konzerte stattfinden. Sie ist die j\u00fcngste der Synagogen und im maurischen Stil ausgestattet, sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<figure id=\"attachment_438\" aria-describedby=\"caption-attachment-438\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/spanische-Synagoge.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-438\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/spanische-Synagoge.jpg\" alt=\"Prag: Spanische Synagoge\" width=\"500\" height=\"370\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/spanische-Synagoge.jpg 500w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/spanische-Synagoge-300x222.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/spanische-Synagoge-405x300.jpg 405w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-438\" class=\"wp-caption-text\">Prag: Spanische Synagoge<\/figcaption><\/figure>\n<p>Doch nach Rabbi L\u00f6ws Altneusynagoge kann es eigentlich f\u00fcr mich diesbez\u00fcglich gerade nichts Bewegenderes mehr geben. Als ich aus der Spanischen Synagoge hinaustrete, sehe ich neben dem Eingang das Kafka-Denkmal. Da sitzt ein schmaler Mann mit Hut und Anzug und erhobener rechter Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger (warum das?) rittlings auf einem \u00fcberlebensgro\u00dfen kopflosen Anzugmann, dessen F\u00fc\u00dfe im Boden versinken. Ein klassischer Alptraum? Kafkaesk? Ich fotografiere ihn schnell, bevor eine Gruppe Jugendlicher kommt, die sich f\u00fcrs Foto aufw\u00e4ndig vor ihn hin postieren. Nichts wie weg, denke ich mir und suche die zweite Kafka-Buchhandlung der Stadt auf, in der Sirok\u00e1, neben Louis Vuitton, wie mein Reisef\u00fchrer verr\u00e4t. Hier ist es still und ich finde ein kleines Poster, auf dem Kafkas Frauen s\u00e4mtlich abgebildet sind. Wie sch\u00f6n! Das muss ich haben. Auf eine seltsame Art und Weise sehen sie sich alle \u00e4hnlich, finde ich.<\/p>\n<p>Im Hintergrund der Buchhandlung ist eine Bibliothek eingerichtet. Hier hat auch die Kafka-Gesellschaft ihren Sitz. Doch bei der Kafka-Gesellschaft spricht man kein Deutsch, wurde mir gesagt. Na, wenn das nicht kafkaesk ist! Nichts wie weg. Ich brauche etwas zu essen.<\/p>\n<p>Ich habe mir f\u00fcr heute einen Besuch im Grand Caf\u00e9 Orient vorgenommen, an dem ich gestern schon vorbeigekommen bin. Im ersten Stock eines Hauses an der Celetn\u00e0, um die Ecke vom alten Obstmarkt, wo das St\u00e4ndetheater steht. Das Grand Caf\u00e9 Orient macht einen sehr guten Eindruck auf mich. Es ist l\u00e4ngst nicht so voll wie das Louvre und daher auch nicht so laut. Am Nebentisch sitzt sogar eine junge Frau mit einem Laptop. Sieh an, hier k\u00f6nnte man arbeiten, die Tische sind auch gro\u00df genug und es ist gar nicht hektisch. Der Kellner, der meine \u201eS\u00fcddeutsche Zeitung\u201c auf dem Tisch liegen sieht, die ich mir am Kiosk gekauft habe, begr\u00fc\u00dft mich auf Deutsch. Das habe ich bisher nicht erlebt, au\u00dfer beim Literaturhaus nat\u00fcrlich, dort ist man ja zust\u00e4ndig f\u00fcr deutschsprachige Autoren.<\/p>\n<p>Nachher \u00fcberquere ich wieder den Obstmarkt, wo gestern meine Tour begann. Irgendwie mag ich diesen kleinen Platz und sein deutscher Name hat sich mir eingepr\u00e4gt. In Wagenbachs B\u00fcchlein ist der Stadtplan aus Kafkas Zeit abgedruckt und ich kann die deutschen Stra\u00dfennamen mit den heutigen, tschechischen vergleichen. An der Stirnseite des Obstmarkts steht das St\u00e4ndetheater. Die T\u00fcr steht offen, Techniker laden gerade etwas von einem Wagen ab und bringen es ins Theater hinein. Ich erhasche einen Blick \u2013 unglaublich! Man kann direkt bis auf die B\u00fchne sehen, dahinter liegt der halbdunkle Zuschauerraum. Ich kann mich nur m\u00fchsam beherrschen, nicht hineinzugehen. Einer der Techniker schaut mich schon misstrauisch an. Ich lasse es sein, ich k\u00f6nnte es ja doch nicht erkl\u00e4ren. Zumal ich des Tschechischen nicht m\u00e4chtig bin. Aber dieses Theater zieht mich magisch an. Kurzzeitig, w\u00e4hrend ich weitergehen muss, keimt eine kribbelnde Sehnsucht in mir auf. Alle Theater sind gleich. Nur manche sind gleicher! Hoffentlich wird es mir w\u00e4hrend meines Aufenthalts hier gelingen, einmal hineinzukommen. Wegen Mozart? Ja sicher. Aber auch \u2013 ich wei\u00df es nicht genau &#8211; wegen dieses Theaters eben, dieses speziellen. Das l\u00e4sst sich nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Rechts in der Seitenstra\u00dfe, der Zelezn\u00e0, hat Milena Jesensk\u00e0 in dem Haus auf der rechten Stra\u00dfenseite mit dem steinernen Adler \u00fcber dem Tor, einige Jahre ihrer Kindheit verbracht. Das Haus mit dem schmutziggelben Anstrich scheint leer zu stehen. Die dunklen kahlen Fenster sehen traurig aus. Im Erdgeschoss einer der \u00fcblichen Souvenirl\u00e4den, ein gelangweilter Verk\u00e4ufer lehnt in der T\u00fcr.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter zog Milenas Familie zum unteren Ende des Wenzelsplatz um, in ein f\u00fcnfst\u00f6ckiges Jugendstilhaus, wo ihr Vater auch seine Zahnarztpraxis hatte. Das Haus sehe ich sp\u00e4ter, auf dem Weg zur Metrostation, nur noch im Dunkeln. Am Fu\u00df des Platzes singen und spielen drei festlich in Federn und Perlengew\u00e4ndern geschm\u00fcckte Peruaner \u201eEl condor pasa\u201c. Sie begleiten sich auf riesigen, tiefdunklen Panfl\u00f6ten, die im Bauch vibrieren. Eine neugierige Menschenmenge steht um sie. Alte Welt trifft auf neue Welt. Indianer werden in Europa immer noch bestaunt. Sie haben sich wirklich etwas einfallen lassen. Sie singen mit Mikroports und bet\u00e4tigen von Zeit zu Zeit sogar eine Nebelmaschine. Nein, Milena h\u00e4tte hier heute auch keine ruhige Minute mehr. Ich muss gelegentlich bei Tag noch einmal herkommen, um das Haus genauer zu sehen.<\/p>\n<p>Inspirierender, ja geradezu eine erste wirkliche Inspiration f\u00fcr mein Projekt, war der Anblick des Hauses Skorepka Nr.1, meine letzte angesteuerte Station auf der heutigen Tour. Ein wunderbares Eckhaus mit herrlicher Jugendstilfassade. Es war zwar schon d\u00e4mmrig, doch noch hell genug f\u00fcr ein Foto. Im obersten Stockwerk dieses Hauses lebte seinerzeit Kafkas Freund Max Brod. Zu ihm stieg Kafka oft hinauf, um ihm seine Texte vorzulesen. Und dort traf er auch zum ersten Mal auf Felice Bauer. Man sieht eine Loggia oben, wie bei italienischen Renaissance -Pal\u00e4sten. Auf dem R\u00fcckweg zum Wenzelsplatz denke ich, dass ich gerne einmal in das Haus hinein gehen w\u00fcrde, das Treppenhaus hinaufsteigen, wie Kafka es tat, wenn er den Freund hier besuchte, seine Texte versteckt unter der Jacke. Oder in der Aktentasche, gleichviel. Und dann h\u00e4lt die Stra\u00dfe an ihrem anderen Ende noch eine \u00dcberraschung bereit. Mozart hat hier \u00fcbernachtet. Das Haus, in dem er n\u00e4chtigte, steht allerdings nicht mehr. Es ist einem gesichtslosen Geb\u00e4ude gewichen, das immerhin sein Konterfei und eine Erinnerungstafel in der Fassade tr\u00e4gt. Skorepka, ich komme wieder!<\/p>\n<p>F\u00fcr heute in Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwoch, 5. November 2014 Im Schatten der j\u00fcdischen Stadt Liebster, um den Mitlesenden zu erkl\u00e4ren, warum es sich um Briefe handelt, die \u00f6ffentlich werden, sei Folgendes gesagt: Kafka war ein gro\u00dfer Briefschreiber. Neben seinen Erz\u00e4hlungen, Tagebucheintr\u00e4gen und Romanen, hat er sehr viele Briefe hinterlassen. 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