{"id":426,"date":"2014-11-05T22:06:34","date_gmt":"2014-11-05T22:06:34","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=426"},"modified":"2014-11-07T20:54:29","modified_gmt":"2014-11-07T20:54:29","slug":"briefe-aus-prag-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=426","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 2"},"content":{"rendered":"<p>Dienstag, 4. November 2014<\/p>\n<h1>Kafka lebt nicht mehr hier<\/h1>\n<p>Liebster,<br \/>\nheute war ein strahlender Sonnentag, blauer Himmel und ganz milde Luft \u2013 gegen jedes Klischee von einer nebelumwaberten Karlsbr\u00fccke, nassem Kopfsteinpflaster, Schwarz-wei\u00df-Design und fl\u00fcchtigen Schatten unter den Laternen. Ich war unterwegs im Kafka-Land. Begonnen habe ich meine Tour bei seiner wichtigsten und letzten Arbeitsst\u00e4tte, dem Geb\u00e4ude der ehemaligen Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt. Die Fassade steht genauso, wie er sie gesehen haben muss, nur sehr viel sch\u00f6ner, heller, freundlicher, wie praktisch alle Fassaden Prags. (Der Reisef\u00fchrer meint, zu keiner Zeit h\u00e4tte man Prag so strahlend sch\u00f6n sehen k\u00f6nnen, so frisch gewaschen, wie heute). Hinter der Fassade befindet sich ein Hotel, das Century Old Town. In der Hotelhalle findet sich der Hinweis auf Kafka, nebenan, im Durchgang zum Restaurant, das \u201eFelice\u201c hei\u00dft, h\u00e4ngen in Schauk\u00e4sten Fotoreproduktionen von ihm und es gibt eine Vitrine mit seinen B\u00fcchern. Das Treppenhaus der ehemaligen Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt ist original erhalten, das Herzst\u00fcck des Hotels.<\/p>\n<figure id=\"attachment_464\" aria-describedby=\"caption-attachment-464\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Treppenhaus2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-464 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Treppenhaus2.jpg\" alt=\"Treppenhaus2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Treppenhaus2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Treppenhaus2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Treppenhaus2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Treppenhaus2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-464\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Also steige ich die Stufen hinauf \u2013 Kafka soll ja immer zu sp\u00e4t gekommen und diese Treppe hinaufgehastet sein \u2013 das Treppenhaus mit seinen weiten B\u00f6gen und seinem eisernen Gel\u00e4nder, die grauen Steintreppenstufen \u2013 ja, das kann ich mir vorstellen, dass er hier ging, und ich lasse meine Hand auf dem schwarzen glatten Holz des Handlaufs hinauf gleiten. Das f\u00fchlt sich gut an, etwas in der Hand zu haben, das er auch in der Hand hatte, vielleicht noch das Einzige in der gesamten Stadt. Im zweiten Stock am Ende des Ganges, im heutigen Hotelzimmer 214, befand sich sein B\u00fcro. So steht es auf einer Hinweistafel geschrieben, die letzte T\u00fcr, verschlossen. Kein T\u00fcrw\u00e4chter. Dahinter soll ein ganz normales Hotelzimmer sein? Gerne w\u00fcrde ich dort einmal \u00fcbernachten. Vielleicht erschiene er mir im Traum?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/kafka.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-430\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/kafka.jpg\" alt=\"kafka\" width=\"640\" height=\"705\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/kafka.jpg 640w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/kafka-272x300.jpg 272w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a>In der Hotelhalle h\u00e4ngen bunte, surreal-naive Bilder, von Kafkas Motiven inspiriert. Was w\u00fcrde ihm hier heute wohl am wenigsten gefallen, falls er in einer Zeitmaschine zur\u00fcckkommen k\u00f6nnte? Abgesehen von dem ungeheuerlichen Schock, der ihm in die Glieder f\u00fchre, als h\u00e4tte man ihn endg\u00fcltig und f\u00fcr alle Zeiten ertappt, vermute ich, dass ihn am meisten erschrecken k\u00f6nnte, dass das Restaurant \u201eFelice\u201c hei\u00dft.<\/p>\n<p>Ich verlasse das Hotel durch den Haupteingang, so wie Kafka nach getaner Arbeit, und gehe in Richtung Altst\u00e4dter Ring, auf der Suche nach den Fassaden der vielen H\u00e4user, in denen die Familie Kafka dort und im nahen Umkreis gewohnt hat. Ausgestattet mit meinem etwas wirren Merian-Stadtf\u00fchrer und Klaus Wagenbachs wunderbarem roten Leinenb\u00e4ndchen \u201eKafkas Prag\u201c. Mit beiden zusammen gelingt es mir, die H\u00e4user zu finden. Wagenbach ist sehr viel genauer. Allerdings stimmt bei ihm oft die aktuelle Nutzung der Geb\u00e4ude nicht mehr. Daf\u00fcr habe ich dann den Merian und meine eigene Wahrnehmung.<\/p>\n<p>In den R\u00e4umlichkeiten im Erdgeschoss des rechten Fl\u00fcgels des Kinsky-Palais am Altst\u00e4dter Ring, wo Kafkas Vater sein Stoffgesch\u00e4ft f\u00fcr eine Zeitlang betrieb, befindet sich eine kleine Kafka-Buchhandlung \u2013 sehr sch\u00f6n. Seine Werke in den verschiedensten Sprachen. Hier w\u00fcrde sich wohl sein Vater mindestens ebenso erschrecken wie er selbst. Der Buchh\u00e4ndler hinter seiner Kasse macht den Eindruck eines \u00fcbrig gebliebenen 70er-Jahre Alternativen mit langem, dunklem Haar und spielt auch prompt Jethro Tulls legend\u00e4re Platte \u201eHeavy Horses\u201c. Wunderbar. Da kann ich mich zuhause f\u00fchlen. Und muss mir nat\u00fcrlich die Postkarten mit s\u00e4mtlichen verf\u00fcgbaren, bekannten Fotos von Kafka kaufen und ein Notizbuch mit der schwarz-gelben Grafik eines Mannes mit Hut, der eine leicht ansteigende Stra\u00dfe hinaufgeht, die rechts und links von H\u00e4usern ges\u00e4umt ist, der Himmel \u00fcber ihm besteht aus wirren unkenntlichen Schriftzeichen und er wirft einen langen Schatten. Der Buchh\u00e4ndler bedankt sich sehr artig bei mir und schenkt mir ein Lesezeichen mit Kafkas Konterfei.<\/p>\n<p>Hinter dem linken Torbogen des Kinsky-Palais ging Kafka ins Gymnasium. Ich schaue mir den schlichten Innenhof an. Heute gehen hier nur die Touristen zu einer \u00f6ffentlichen Toilette und ein gelangweilter Wachmann sitzt seine Zeit ab. Doch Kafka hatte es jedenfalls nicht weit zur Schule. Er hatte es sowieso \u00fcberhaupt nicht weit. Der Radius seines Prager Lebens war klein.<\/p>\n<p>Das Haus in der Zeltnergasse (Celetn\u00e1) 6, in dem die Familie einen ihrer zahllosen Wohnsitze hatte, steht leer. Hinter dem Gitter zum Treppenaufgang im Torbogen stapelt sich Ger\u00fcmpel.<\/p>\n<p>Sie sind ja wirklich unendlich viel umgezogen, die Kafkas, und immer im Umkreis von wenigen hundert Metern. Die vielen Wohnh\u00e4user wirken f\u00fcr mich nun doch etwas verwirrend, mir schwirrt schon der Kopf davon. Wagenbach merkt ganz zu Recht an, wie ich finde, dass der Radius von Kafkas Vater mit den Umz\u00fcgen seines Gesch\u00e4fts und seiner Familie noch viel kleiner war als der des Sohns. Was f\u00fcr eine aberwitzig kleine Welt der Kn\u00f6pfe und Zwirne und Garne. Es dr\u00e4ngt sich einem der Gedanke auf, dieser Mann h\u00e4tte tats\u00e4chlich nichts anderes in seinem Leben verfolgt. Je erfolgreicher er mit seinem Laden wurde, desto repr\u00e4sentativer sollte der Standort sein. Dass Kafka das auf die Nerven ging, ist mir noch heute hier sofort verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Als letztes sehe ich den kleinen Platz hinter der St. Niklaskirche, wo Kafkas Geburtshaus stand. Es steht nicht mehr. An seiner Stelle findet sich an der Stra\u00dfenecke eine B\u00fcste in die Hauswand eingelassen. Als ich sie fotografiere, bleibt eine \u00e4ltere Frau stehen und schaut sie lange an. Sie sieht nicht aus wie eine Touristin und macht ein derartig erstauntes Gesicht, als habe sie das noch nie gesehen. Im Erdgeschoss des Hauses, das heute statt Kafkas Geburtshaus an dieser Stelle steht, befindet sich ein Restaurant. Selbstverst\u00e4ndlich hei\u00dft es \u201eCaf\u00e9 Kafka\u201c und selbst die Blumenk\u00fcbel, die seine kleine Terrasse davor gegen den Platz abgrenzen, sind mit Kafkas Bild dekoriert.<\/p>\n<p>Ich wollte eigentlich noch weiter durch die j\u00fcdische Altstadt wandern. Doch das Wetter ist zu sch\u00f6n und von Kafkas Geburtsplatz erblicke ich am Ende der Stra\u00dfe pl\u00f6tzlich und unvermittelt den Hradschin. Er sieht so herrlich und verlockend aus, dass ich die j\u00fcdische Altstadt f\u00fcr heute hinter mir lasse und mich zum Moldauufer wende, wo die Menschen in der strahlenden Nachmittagssonne auf Restaurantschiffen und B\u00e4nken am Ufer sitzen, goldene Herbstbl\u00e4tter h\u00e4ngen \u00fcber sie. Das Panorama beeindruckt mich selbstverst\u00e4ndlich, so wie sicherlich jeden, vor allem, wenn man es zum ersten Mal sieht. Doch auch hier ist Kafka pr\u00e4sent. Gro\u00df und un\u00fcbersehbar prangt die Schrift \u201eKafka Museum\u201c am anderen Ufer der Moldau. Ich vermute, von allen Dingen, die er \u00fcber sich selbst sehen k\u00f6nnte in seiner alten Heimatstadt, w\u00e4re er wahrscheinlich vor diesem Anblick am Fu\u00dfe des Hradschin am meisten erschrocken. F\u00fcr jemanden, der nach seinem Tod seine Schriften verbrannt wissen wollte, m\u00fcsste das hier die H\u00f6lle sein. Es steht wie eine Unterzeile zur weltber\u00fchmten Panoramasicht auf das gewaltige Bauensemble aus Burg, Veitsdom und Nebengeb\u00e4uden. Sp\u00e4testens hier w\u00e4re er zusammengebrochen.<\/p>\n<p>Ich spaziere noch \u00fcber die Karlsbr\u00fccke. Fr\u00f6hliche Touristen und gar nicht mal so viele, dass man nichts von der Br\u00fccke sieht \u2013 der November zahlt sich aus. Portr\u00e4tzeichner und Stra\u00dfenmaler mit ihren St\u00e4nden, mehrere Bands, Jazz und mittelalterliche Musik, dazwischen ein Marionettenspieler. Es gibt viele Marionettenl\u00e4den in der Stadt, die zerbrechlich wirkenden Puppen sind ein beliebtes Mitbringsel von hier.<\/p>\n<p>Auf der Br\u00fccke die ehrw\u00fcrdigen, geschw\u00e4rzten Heiligenstatuen vor blauem Himmel. Doch sie k\u00f6nnen sich bem\u00fchen, so gruselig auszusehen, wie sie wollen. An einem solch strahlenden Tag hat ganz offensichtlich das Leben schon l\u00e4ngst \u00fcber sie gesiegt.<\/p>\n<p>An den Br\u00fcckent\u00fcrmen der Kleinseite kehre ich um. Nein, mehr geht heute nicht. Ich schlendere zur\u00fcck, um im Caf\u00e9 Louvre, in dem selbstverst\u00e4ndlich auch Kafka und Max Brod schon sa\u00dfen, ebenso wie Franz Werfel und Albert Einstein, eine hei\u00dfe Schokolade zu trinken. Mein Gott, ist das eine Schokolade! Dickfl\u00fcssig, beinahe z\u00e4hflie\u00dfend und herrlich s\u00fc\u00df \u2013 sie k\u00f6nnte einen Diabetiker ins Jenseits bef\u00f6rdern! Die Kaffeehauskultur, ja, da ist sie!<\/p>\n<p>Nicht nur deshalb habe ich heute immer wieder an Wien gedacht. Gestern Abend, als ich \u00fcber den Wenzelsplatz ging, kam mir der Vergleich mit Wien seltsamerweise gar nicht in den Sinn. Doch heute, bei Licht besehen, ist Prag f\u00fcr mich ein raues Wien mit einem saftigen Schuss von Paris.<\/p>\n<p>Der Metro entstiegen, hatte ich am Mittag zuallererst das St\u00e4ndetheater gesehen, in dem Mozarts \u201eDon Giovanni\u201c seine Urauff\u00fchrung erlebte. Leider hing kein aktueller Spielplan aus. An der Fassade sind umfassende Renovierungsarbeiten im Gange. Wie wunderbar, dass dieses Theater noch steht. Dass Mozart hier hineingegangen sein soll, mutet an wie ein Traum. Als w\u00e4re man schon in Venedig!<\/p>\n<p>Auf Kafkas Spuren in Prag \u2013 das mag manchem richtig \u201eretro\u201c erscheinen. Ist es nicht so etwas, wie Eulen nach Athen tragen? F\u00fcr mich, eine Liebhaberin der Spurensuche, ist es das auf keinen Fall. Und au\u00dferdem \u2013 wer kennt noch Kafka? Ich h\u00f6rte, wie eine Reisef\u00fchrerin an der Karlsbr\u00fccke mit dem Hinweis auf den Schriftzug des Kafka-Museum gegen\u00fcber sagte: \u201eKafka was a german jewish writer.\u201c Aha. Das muss den Menschen also erkl\u00e4rt werden. Was f\u00fcr eine aussterbende Art von Dinosaurier muss ich demnach sein. W\u00e4hrend ich das noch dachte, hatte sich die englischsprachige Reisegruppe samt ihrer F\u00fchrerin l\u00e4ngst abgewandt und spazierte in Richtung Altstadt davon. Dieser eine Satz als Erkl\u00e4rung musste gen\u00fcgen. Shakespeare k\u00f6nnte auch ein Fabrikant von Damenhandtaschen sein. Homer ein Computerprogramm. Und Rilke \u2013 der ja in Prag geboren wurde \u2013 ach du liebe G\u00fcte, nein. Das geht jetzt wirklich zu weit&#8230;.<\/p>\n<p>F\u00fcr heute in Liebe,<br \/>\nDeine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dienstag, 4. November 2014 Kafka lebt nicht mehr hier Liebster, heute war ein strahlender Sonnentag, blauer Himmel und ganz milde Luft \u2013 gegen jedes Klischee von einer nebelumwaberten Karlsbr\u00fccke, nassem Kopfsteinpflaster, Schwarz-wei\u00df-Design und fl\u00fcchtigen Schatten unter den Laternen. 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