{"id":420,"date":"2014-11-04T17:13:49","date_gmt":"2014-11-04T17:13:49","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=420"},"modified":"2014-11-07T20:58:11","modified_gmt":"2014-11-07T20:58:11","slug":"briefe-aus-prag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=420","title":{"rendered":"Briefe aus Prag &#8211; 1"},"content":{"rendered":"<p>Montag, 3. November 2014<\/p>\n<p><strong> \u201eUnsere Kunst ist ein von der Wahrheit Geblendetsein.\u201c<\/strong><br \/>\n(Franz Kafka)<\/p>\n<p>Liebster,<br \/>\ndie Buchhandlung ACADEMIA am Wenzelsplatz gibt den K\u00e4ufern keine Plastikt\u00fcte mit, sondern schl\u00e4gt die gekauften B\u00fccher in sanft gl\u00e4nzendes Papier ein, auf dem die Fassade des Hauses abgebildet ist. Wenn man die B\u00fccher auswickelt, sind sie wie Geschenke, die man sich selbst gemacht hat und wie bei sch\u00f6nem Geschenkpapier bem\u00fcht man sich, das Papier dabei nicht zu zerrei\u00dfen. Das ist einer meiner ersten Eindr\u00fccke von dieser Stadt, die reich, sehr selbstbewusst und ungeheuer europ\u00e4isch daherkommt, wenn man bei Wenzels ber\u00fchmter Reiterstatue aus den Katakomben der Metro aufsteigt.<\/p>\n<p>Dort empfing mich, \u00fcberlebensgro\u00df an der Fassade des Nationalmuseums, ein Bildnis von Vaclav Havel. Noch vor Kafka begr\u00fc\u00dft er mich in seiner Stadt. Auch f\u00fcr Prag fiel ja vor 25 Jahren die Mauer und die Stadt hat ihren nicht unwesentlichen Anteil daran.<\/p>\n<figure id=\"attachment_467\" aria-describedby=\"caption-attachment-467\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Havel2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-467 size-full\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Havel2.jpg\" alt=\"Havel2\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Havel2.jpg 5152w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Havel2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Havel2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Havel2-399x300.jpg 399w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-467\" class=\"wp-caption-text\">(c) Schubert<\/figcaption><\/figure>\n<p>In einem der B\u00fccher, das ich ausgewickelt habe, ein schmales B\u00e4ndchen mit Kafkas s\u00e4mtlichen Zeichnungen, stie\u00df ich auf seinen oben zitierten Satz. Er wurde f\u00fcr mich Wirklichkeit, als ich den Altst\u00e4dter Ring betrat.<\/p>\n<p>Hatte ich den Wenzelsplatz noch in der einfallenden D\u00e4mmerung gesehen, seine sanft abfallende Neigung, ums\u00e4umt von Tausenden von Lichtern, so umfasste den Altst\u00e4dter Ring bereits die Dunkelheit. In den umliegenden Restaurants leuchteten die W\u00e4rmefeuer f\u00fcr G\u00e4ste, die auf den f\u00fcr sie improvisierten Terrassen ihr Abendessen einnahmen. \u00dcber den Platz flanierten Spazierg\u00e4nger, es herrschte reges Treiben, dennoch ruhig, \u00fcberschaubar, von beinahe s\u00fcdl\u00e4ndischer Gelassenheit. Mitten auf dem Platz sa\u00df ein Mann, der ein Madonnenbild vor sich auf den Boden gestellt hatte und es stoisch von oben mit einer Taschenlampe anleuchtete. Um ihn herum aufgestellt viele bunt irrlichternde Grableuchten. Ich wei\u00df nicht, ob es eine besondere Madonna war. Nun ja, jede Madonna ist besonders.<\/p>\n<p>Ein Stra\u00dfens\u00e4nger begleitete sich selbst mit der Gitarre und sang Pink Floyds \u201eWish you were here\u201c. Die schwere, k\u00fchle Mauer des Altst\u00e4dter Rathauses im R\u00fccken, h\u00f6rte ich zu und sah auf den offenen Platz vor mir, von den beeindruckenden T\u00fcrmen der Teynkirche gegen\u00fcber wie magisch angezogen. Einer dieser faszinierenden Pl\u00e4tze Europas mit der Atmosph\u00e4re eines Innenraums unter freiem Himmel, ein Ballsaal, ausgebreitet f\u00fcr das Fest des Lebens. Von Menschen f\u00fcr Menschen geschaffen und durch ihre jahrhundertelange Anwesenheit nicht abgenutzt sondern im Gegenteil. Aus der Zeit gewachsen, von stolzer Erhabenheit. Von der Wahrheit dieser Stadt geblendet sein. Von ihrer Architektur, ihrer Sch\u00f6nheit, ihrer Wirklichkeit.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/ring.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-424\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/ring.jpg\" alt=\"ring\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/ring.jpg 1000w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/ring-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/ring-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a>So bin ich angekommen. Im letzten Licht eines besonders milden Novembertags. Gestern Abend, als ich mein Quartier bezog, hing Nebel in der Allee, auf dem Weg von der Bushaltestelle zur Wohnung im s\u00fcdlicheren Teil der Stadt, wo die H\u00e4user und Stra\u00dfen genau so aussehen wie bei uns. Wohnfassaden, Superm\u00e4rkte, kleine Gesch\u00e4fte, die normale Gesichtslosigkeit einer Gro\u00dfstadt in Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>\u201eLange stand K. auf der Br\u00fccke und starrte in die scheinbare Leere empor\u201c, musste ich denken, wie ich so neben meiner F\u00fchrerin einher stapfte mit meinem schweren Gep\u00e4ck. Obwohl ich die Karlsbr\u00fccke und den Hradschin noch nicht gesehen habe, kam mir pl\u00f6tzlich gestern Nacht in der Allee der Gedanke in den Sinn: Nat\u00fcrlich ist Kafkas \u201eDorf\u201c in seinem Roman \u201eDas Schloss\u201c nicht irgendein kleines Dorf im Irgendwo. Es ist Prag. Was soll es sonst sein.<\/p>\n<p>Als ich dann heute Mittag bei der Metrostation Pavlova ins Freie trat, um im Prager Literaturhaus meinen Antrittsbesuch zu machen, stand ich unvermittelt zwischen den Fassaden und begriff: Ach so, ja, DAS ist Prag. Ich \u00f6ffne meine Augen f\u00fcr diese Stadt. Die unzerst\u00f6rte, die goldene. Was wird sie mir erz\u00e4hlen? Und ich? Was erz\u00e4hle ich ihr?<\/p>\n<p>In Liebe, Deine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Montag, 3. November 2014 \u201eUnsere Kunst ist ein von der Wahrheit Geblendetsein.\u201c (Franz Kafka) Liebster, die Buchhandlung ACADEMIA am Wenzelsplatz gibt den K\u00e4ufern keine Plastikt\u00fcte mit, sondern schl\u00e4gt die gekauften B\u00fccher in sanft gl\u00e4nzendes Papier ein, auf dem die Fassade des Hauses abgebildet ist. 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