{"id":405,"date":"2014-07-16T08:50:07","date_gmt":"2014-07-16T08:50:07","guid":{"rendered":"http:\/\/schubert-jutta.de\/?p=405"},"modified":"2014-07-16T09:04:12","modified_gmt":"2014-07-16T09:04:12","slug":"an-tagen-wie-diesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/?p=405","title":{"rendered":"An Tagen wie diesen"},"content":{"rendered":"<p>1954 \u2013 war ich noch nicht geboren. Meine Eltern kannten sich aber schon und heirateten ein Jahr nach dem \u201eWunder von Bern\u201c.<\/p>\n<p>1974 \u2013 war ich 14 und ergriffen von der Euphorie um Netzer, Breitner, Beckenbauer und Co. Ich war Gymnasiastin, eine gute Sch\u00fclerin in Deutsch, miserabel in Mathe und hatte gerade meine erste (ungl\u00fcckliche) Verliebtheit hinter mir \u2013 in einen Jungen aus der Parallelklasse mit blondem Haar und schwarzer Lederjacke. Ob er Fu\u00dfballfan war, habe ich nie erfahren. Aber die Welt stand offen \u2026<\/p>\n<p>1990 \u2013 hatte ich gerade mein Studium in Frankfurt erfolgreich mit dem Magister Artium abgeschlossen, als die WM in Italien begann. Ich fuhr in jenem hei\u00dfen Sommer mit einem Freund nach Wien, um George Taboris Inszenierung von Shakespeares \u201eOthello\u201c mit Gert Voss in der Titelrolle zu sehen. Andreas wollte mit mir weiter nach Italien zur WM, aber ich musste zur\u00fcck, weil ich ein Autorenstipendium im K\u00fcnstlerdorf Sch\u00f6ppingen im M\u00fcnsterland antreten durfte. Dort lernte ich meinen Mann Peter kennen, der ebenfalls ein Stipendium hatte. Wir trafen uns regelm\u00e4\u00dfig abends im Aufenthaltsraum vor dem Fernseher zu den Fu\u00dfballspielen und waren live dabei, als Kapit\u00e4n Lothar Matth\u00e4us den Pokal in die H\u00f6he reckte und Trainer Franz Beckenbauer w\u00e4hrend der Siegestrunkenheit seiner Mannschaft traumverloren allein einen Moment auf dem Rasen stand. Damals wusste ich noch nicht, dass der Mann an meiner Seite der Mann meines Lebens w\u00fcrde. Die Welt stand offen \u2026<\/p>\n<p>2014 \u2013 habe ich vier Wochen lang mit gefiebert, fast alle Spiele w\u00e4hrend der WM in Brasilien gesehen: das Ausscheiden der Chilenen und der Kolumbianer mit ihrem gro\u00dfartigen James Rodriguez, die Niederl\u00e4nder mit grandiosem Auftakt und dann immer schw\u00e4cher im Turnier, die argentinischen \u201eStiere\u201c mit ihrem Superstar Messi, die Brasilianer voller Hoffnung, bis zur schweren Verletzung ihres Superstars Nejmar, Klinsmann und sein tapferes US-Team, Hitzfeld mit seinen starken Schweizern und immer wieder die Deutschen! Die Deutschen mit ihrem gro\u00dfartigen Mannschaftsgeist, ihrer spielerischen \u00dcberlegenheit, in Leichtigkeit, Schwierigkeit und Kampf bis zum traumhaft sensationellen 7:1 Sieg \u00fcber Brasilien im Halbfinale und dem Titelgewinn im Finale gegen Argentinien im legend\u00e4ren Maracana-Stadion von Rio de Janeiro. 24 Jahre nach dem letzten Titel sa\u00dfen Peter und ich wieder (immer noch) auf dem Sofa vor der Flimmerkiste. 24 Jahre gemeinsam durch die St\u00fcrme und die lauen Brisen des Lebens gesegelt, auf dem Weg zur n\u00e4chsten gewonnenen Weltmeisterschaft.<\/p>\n<p>Der Fu\u00dfball hat ein Geheimnis. \u00dcber alles Heldentum und Kampfgeschrei, \u00fcber jeden Lokal- und Nationalpatriotismus hinaus. Einzig dem Fu\u00dfball gelingt, was sonst nur gro\u00dfe Liebe erzeugen kann: Emotionen bis zum Anschlag, Herzrasen und das Gef\u00fchl, ins Leere zu st\u00fcrzen, wenn es vorbei ist. Vielleicht habe ich das im Weltmeisterschaftsjahr 1966 mit auf den Weg bekommen, als sich in unserer damaligen Wohnung im Hinterhaus die ganze Hausgemeinschaft um den Schwarzwei\u00dffernseher meiner Eltern versammelte, um das ber\u00fcchtigte Endspiel Deutschland \u2013 England zu sehen, das die Deutschen tragisch verloren. Ich weinte mit meinen sechs Jahren gemeinsam mit den Erwachsenen, als es vorbei war, auch wenn ich nicht recht begriff, wor\u00fcber genau. Ich f\u00fchlte ich mich verloren. leer. Das Gef\u00fchl, dass ich irgendetwas Gro\u00dfes verpasst hatte, war \u00fcberw\u00e4ltigend. Vielleicht lag es an dem fu\u00dfballverr\u00fcckten Nachbarjungen, der mich damals, wenn wir im Hof zusammen spielten, zwang, im Tor zu stehen, wo ich seine B\u00e4lle nicht halten konnte. Vielleicht steckt aber auch etwas ganz anderes dahinter. Eben das unergr\u00fcndliche Geheimnis des Fu\u00dfballs.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Weltmeister.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-406\" src=\"http:\/\/schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Weltmeister-300x168.jpg\" alt=\"Weltmeister\" width=\"300\" height=\"168\" srcset=\"https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Weltmeister-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Weltmeister-500x281.jpg 500w, https:\/\/www.schubert-jutta.de\/wp-content\/uploads\/Weltmeister.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Zur\u00fcck ins Jahr 2014 \u2013 13. Juli im Maracana. Das Spiel. Die Nacht von Rio. Dann der R\u00fcckflug der Mannschaft, der Empfang der Weltmeister in Berlin. Und dann: Vorbei. Die Spieler fliegen nach Hause, in den Urlaub, zu ihren Familien. In dieser Konstellation wird es die Mannschaft vermutlich nie wieder geben. Und wir? Kehren zur\u00fcck in den Alltag. Da ist sie, die vertraute Leere. Aber Peter sagt, noch auf dem Sofa sitzend, als die Mannschaft zum letzten Mal den Bus besteigt: Dann bis in f\u00fcnfundzwanzig Jahren, da sitzen wir wieder hier. Ich rechne kurz still f\u00fcr mich nach. In f\u00fcnfundzwanzig Jahren, da w\u00e4re er 89. Nun, da ist es ja gut, dass alle VIER Jahre Weltmeisterschaft ist. Denn in vierundzwanzig Jahren ist er Gott sei Dank erst 88! Welcher gn\u00e4dige Gott schenkt uns so viel Zeit bis dahin? Dann w\u00e4ren wir jetzt gerade mal in der Halbzeit! Na klar, es gibt einen, den man darum bitten k\u00f6nnte: den Fu\u00dfballgott! Und die Welt? Steht immer noch offen \u2026?<\/p>\n<p>PS.: Einmal stand mir in diesen Tagen die Stimmung in der K\u00fcche meiner Eltern von 1966 wieder vor Augen, als Deutschland England im legend\u00e4ren Finale von Wembley unterlag. Das war, als sich im Autoradio auf dem Weg zum Einkaufen eine gl\u00fcckliche Neunj\u00e4hrige zu Wort meldete und sagte: \u201eIch bin ja zum ersten Mal Weltmeister geworden!\u201c \u2013 Sie ist zu beneiden. Auch darum, dass sie noch nicht wei\u00df, dass sie vielleicht sehr lange warten muss, um dieses Gef\u00fchl wieder zu erleben.<\/p>\n<p>PPS.: Hoch lebe diese deutsche Mannschaft, vor deren K\u00f6nnen, Teamgeist, Fairness und Kampfgeist sich die ganze Welt zu recht verneigt. Danke Jungs!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1954 \u2013 war ich noch nicht geboren. Meine Eltern kannten sich aber schon und heirateten ein Jahr nach dem \u201eWunder von Bern\u201c. 1974 \u2013 war ich 14 und ergriffen von der Euphorie um Netzer, Breitner, Beckenbauer und Co. 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