„Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“

Zu seinem 75. Geburtstag übergab der Autor Michael Schneider, der lange in Wiesbaden gelebt hat und auch als Schauspieldramaturg im Staatstheater tätig war, in einer Veranstaltung am 22. März 2018 seinen „Vorlass“, das bedeutet, sein privates Archiv, bestehend aus Büchern, Manuskripten, Briefen, Zeitungsartikeln, Fotos etc., das erzählerische, dramatische und essayistische Werk aus fünfzig Jahren, dem Stadtarchiv Wiesbaden zum Verbleib.

(c) Peter H. Gogolin

Anlässlich dieser Veranstaltung richtete ich mit Schauspielschülern der Wiesbadener Schauspielschule eine szenische Lesung aus Schneiders erstem Theaterstück „Die Wiedergutmachung oder Wie man einen verlorenen Krieg gewinnt“ ein, das 1977 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden uraufgeführt wurde.

Das Stück, das in der unmittelbaren Nachkriegszeit spielt und mit den Mitteln der Farce den Wiederaufstieg der Finanzelite und der Wirtschaftsführenden des „Dritten Reiches“ nach 1945 behandelt, löste einen Theaterskandal aus.

Es wurde vom Spielplan genommen und der damalige Intendant musste daraufhin seinen Hut nehmen. Eine beispiellose Kampagne gegen Schneiders Stück, der sich mit den Machenschaften und Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Nationalsozialismus kritisch, ironisch und fachlich gut recherchiert auseinandersetzte. Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte, wovor man die Augen gerne verschließt, und das in Teilen bis heute totgeschwiegen wird.

Vor einem sehr interessierten und begeisterten Publikum lasen die Schauspielschüler Konrad Kißler und Gedeon Höfer und der Absolvent Pascal Fey Passagen aus Schneiders Stück. Der Autor selbst erläuterte die Hintergründe des Stückes, die Umstände der Uraufführung und steuerte darüber hinaus Erinnerungen aus seiner Alt-68er Zeit und seiner Bekanntschaft mit Rudi Dutschke ein.

Zur Abrundung gab er einige seiner professionellen Zaubertricks zum Besten. Eine rundum gelungene Veranstaltung. Michael Schneider war von unserer Darbietung so begeistert, dass er sich eine weitere, umfangreichere Lesung aus seinem Stück von uns in Wiesbaden gewünscht hat.